Sonntag, B.N. Für eine Woche entkommen: dem Wahnsinn im „Amt“, den unüberschaubaren Regelungen, der Angst vor Ansteckung, dem Gehetztsein, den irre gehetzten Tagen im Tübinger Corona-Alltag.
Wie PM da auf dem Bahnsteig steht mit seinen langen Beinen und auf mich wartet, das spült so eine warme Welle in mein Herz, dass ich sofort alles vergesse. Was für News gibt es aus der Klinik, vom „Amt“, aus B.N.? Während der Autofahrt erzählt er von einem neuen Kollegen, ich von einer infizierten Kollegin, doch da wir seit beinahe sieben Jahren jeden Abend telefonieren, wissen wir im Wesentlichen über das Leben des anderen Bescheid.
Die Straße vor seinem Haus ist aufgerissen, die Stadt pimpt sich für diese Landesgartenschau 2022 auf, danach wird es hier wohl etwas anders aussehen. Koffer und Taschen schnell nach oben geräumt – so viel Gepäck diesmal, weil’s am Mittwoch nach Köln zu meiner Lieblingsfamilie weitergeht – und wir decken den Tisch. A. und. J., die lieben Freude aus Hennef, stehen vor der Tür. PM hat reichlich für Essen und Trinken gesorgt, das ist so ein gutes Gefühl! Ich bin nicht allein. Ich bin nicht für alles allein verantwortlich. Da ist einer, der für uns eingekauft hat, der nicht vergisst, was ich mag, der jedesmal an laktosefreie Milch und Nescafé denkt, nur für mich. Einer, der mir Antworten gibt und Fragen stellt und mir zuhört. Einer, der seine Freunde aus alten Zeiten eingeladen hat, die auch meine Freunde sind. Und ich weiß schon jetzt: das wird wieder so ein langer, lauter und lustiger Abend mit Reminiszenzen an gemeinsame Italienurlaube – Limoncello! -, und wenn er vorbei ist und ich schon mal nach oben gehe und den Geräuschen nachlausche, wie PM die Gläser in die Spülmaschine stellt, macht der neu anbrechende Tag mir, neben einer geschenkten Zeitumstellungs-Stunde, sein luxuriösestes Geschenk: Steinmüde und mit einem Lächeln auf den Lippen falle ich in einen Schlaf, der keine Ungeheuer gebiert.