Donnerstag, Eisenach. Mit Tov und Jochen wandern wir zur Hohen Sonne und weiter zum Altenberger See. Auf unserem Stück Weg durch den Thüringer Wald kommen wir an einer einsam gelegenen Schlossanlage vorbei: Das Wilhelmsthaler Schloss. Das glaubt man nicht – die Gebäude stehen alle leer!
Einst haben in den Sälen glanzvolle Konzerte stattgefunden: der vom Bauherrn Herzog Johann Wilhelm l. als Konzertmeister angestellte Georg Philipp Telemann hat zahlreiche seiner Werke hier komponiert und uraufgeführt. Rund 100 Jahr später haben Goethe, Hebel und List gesellige Stunden im Wilhelmsthaler Schloss verbracht, die für Goethe äußerst inspirierend gewesen sein müssen. Nicht nur die Landschaft um das Schloss herum, sondern überhaupt das Thema Gartenarchitektur haben Eingang in seine Wahlverwandtschaften gefunden.
Denn das Schlossensemble steht in einem Naturpark, der zuletzt von Fürst von Pückler-Muskau umgestaltet wurde. Dessen am Vorbild der Landschaftsmalerei angelehntes Konzept der natürlich wirkenden Landschaftsarchitektur mit weiten Wegen, Seen und Baumgruppen – weg von den verkünstelten Arrangements des Barock – ist auch heute noch allerbestens erkennbar.
Nur wenig entfernt befindet sich das ehemalige Pionierferienlager Maxim Gorki (Trägerbetrieb war der VEB Automobilwerke Eisenach). Wieviel Tausende Kinder und Jugendliche hier mitten im Wald ihre Ferien verbracht haben, ahnt man, wenn man durch die Fenster der verlassenen Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude späht. Das ist gruselig und traurig in einem.
Was für eine Verschwendung!, denke ich oft, wenn ich hier den Leerstand, die vielen verlassenen Villen, die verfallenden Häuser und Schlösser sehe. In Tübingen liegt der Mietpreis bei 14-15 €/qm2, und die Leute kaufen Immobilien, ohne sie vorher besichtigt zu haben, wie ein Makler mir schon vor Jahren erzählte.
Auch die Nachbarvilla von A. und T., eines der letzten Häuser vor der Wartburg mit einem traumhaften Blick über das Johannistal, verfällt langsam. Einzige Bewohner sind fünf Waschbären. Im Garten von A. und T. plündern sie die Walnussbäume, und abends stehen sie bei ihnen auf der Terrasse, um erst zu verschwinden, wenn T. den Gartenschlauch aktiviert.
Am Abend besuchen wir ein ans Herz gehendes Konzert aus der Reihe Yiddishsummer mit Sveta Kundish & Patrick Farrell: Coronabedingt im Freien, auf dem Platz hinter der Wandelhalle, präsentieren sie traditionelle und zeitgenössische jiddische Lieder.
