Lernen

Dienstag. Was für ein furchtbares Signal an die ukrainischen Geflüchteten. Vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen, wird in Deutschland, genauer in Wismar, vor drei Tagen eine Unterkunft mit 14 Ukrainer*innen angezündet und komplett zerstört. Wenigstens sind die Menschen, darunter ein 1-jähriges Kind, unverletzt geblieben. Die Botschaft dahinter ist trotzdem kaum wiedergutzumachen. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. In diese Richtung ermittelt auch die Staatsanwaltschaft.

Seit ich die Arbeit im “Amt” drastisch reduziert habe, unterrichte ich eine ukrainische Vorbereitungsklasse in Deutsch. Was diesen Kindern und Jugendlichen zugemutet wird, lässt sich kaum in Worte fassen. Und ich rede nur davon, was sie hier erleben, nicht was ihnen in den vergangenen Monaten widerfahren ist und was sie an Traumatisierung mitbringen.
Eine große, viel zu große Gruppe sitzt im Kreis, hier können sie sich wenigstens untereinander austauschen. In ihren “normalen” Klassenverbänden sind sie aufgrund der Sprachbarriere komplett isoliert. Stunde um Stunde sitzen sie den Vormittagsunterricht ab, ohne auch nur ein einziges Wort zu verstehen. Was für ein Stumpfsinn, was für eine unendliche Verschwendung von Lebenszeit. Eine Kommunikation findet praktisch nicht statt, da sie auch kaum Englisch sprechen. In den Lerngruppen sind die verschiedenen Altersstufen zusammengewürfelt; wenn wir gar nicht weiterwissen, behelfen wir uns mit Sprachprogrammen aus dem Internet. Das Lernen nach Buch oder nach Online-Portalen unterbrechen wir, indem wir lieber Ausflüge, Marktbesuche oder ein gemeinsames Kochen organisieren. Sie mögen nicht schreiben, offenbar haben sie ihre Englischkenntnisse bisher nur mündlich erworben – ein Umstand, der in unseren Lehrwerken nicht berücksichtigt wird. Deutsch lernen ohne zu schreiben ist eine Herausforderung; ein Weg, den ich, den wir uns erst erarbeiten müssen. Manchmal erfährt man ansatzweise, woher sie kommen, was mit ihren Familien passiert ist, welche Hoffnungen sie haben.
Wer sich über ihre mangelnde Motivation beklagt, hat gar nichts begriffen. Weshalb sollten sie Deutsch lernen wollen?, niemand hat sie gefragt. Manche haben nachmittags auch noch zusätzlichen Online-Unterricht von ihren ukrainischen Schulen aus. Da haben sie bereits sechs Unterrichtsstunden hinter sich und einen Deutsch-Sprachkurs in der Mittagszeit. Sie sind zehn bis sechzehn Jahre alt. Nach der Stunde bedanken sie sich für den guten Unterricht. Sie sind höflich und respektvoll – trotz allem. Schade, dass sie nicht bleiben werden. Wir könnten viel voneinander lernen.