Loslassen

Sonntag. Das riesige Loch in der Straße vor PMs Haus ist zugeschüttet. Die zerstörten Rohre bleiben zerstört, Hauptsache, die LKWs kommen durch. Straßenzug um Straßenzug werden die riesigen Müllberge vor den Häusern abtransportiert. Es ist belasteter Müll, wohin bloß mit dem ganzen Zeug? Allmählich erhält die Stadt ihr altes Gesicht wieder, verblüffend, wie schnell das geht, wenn Tausende Hände mitmachen.
Mehrere Fernsehsender veranstalten Benefizkonzerte zugunsten der Flutopfer, bei denen Millionenbeträge zusammenkommen, die Hilfsbereitschaft hält an. Gestern erzählt Angelika aus Eisenach, dass ihre Tochter als Helferin in Ahrweiler im Einsatz ist, der Kofferraum bei jeder Fahrt voll mit Sachspenden, die sie zuvor in der Nachbarschaft zusammenbetteln. Moni, eine Lieblingskollegin, schickt Fotos von einer kompletten Stereoanlage samt Plattenspieler, die sie PM schenken möchte! Das ist das Schöne an der elenden Geschichte, dass sie reich an kleinen Wundern und unschätzbaren Begegnungen ist.
Wir haben unsere Reise storniert, können uns nicht vorstellen, in der Situation unter der Sonne Italiens die Seele baumeln zu lassen. T. und E. sind gestern aus Griechenland zurückgekehrt. Seit zwei Jahren ihr erster Urlaub, sie berichten von einer wunderschönen, leeren Insel und leeren Flughäfen. Das Coronavirus verändert die Welt und sich selbst in Wellen, noch ist die Delta-Variante vorherrschend, doch die Lambda-Mutante aus Südamerika ist bereits auf dem Vormarsch. Der Inzidenzwert steigt wieder, man redet bereits vom Herbst-Lockdown. Ich kann da kaum hinhören, für Corona ist kein Platz in meinem Bewusstsein.
In Ahrweiler stehen nun Dixi-Toiletten, immer eine für drei bis vier Haushalte. Bis es wieder Wasser, Strom und Gas gibt, können noch Monate vergehen. Der Gestank nimmt zu, deshalb auch die Eile mit dem Abtransport der Müllberge. Man kommt auch wieder über die Ahr: Behelfsbrücken ersetzen die schönen alten Brücken, deren Trümmer bald nicht mehr zu sehen sein werden. Das Ahrbecken sieht furchtbar aus. Verschwunden sind die Böschungen und Ufersteine, auf denen im Sommer gespielt und gegrillt und geflirtet wurde. Statt dessen rohe Erde entlang des gesamten Flussverlaufes. Auf seinem geliehenen Tablet zeigt PM mir die Fotos einer veränderten Landschaft.
Er schläft viel und lange. Die Ereignisse haben ihn erschöpft. Wie passt man die Lebenspläne der neuen Situation an? Das wird die Frage der nächsten Wochen sein. Auch ich muss die Bilder verscheuchen, wenn sie unkontrolliert aufploppen, z.B. die spontane Idee, am WE zu ihm zu fahren, und wenn im gleichen Moment die Welle der Erkenntnis darüberschwappt: Zu ihm fahren ist nicht mehr. Es gibt kein Zuhause mehr in Ahrweiler/B.N.
Ständig fällt uns irgendwas ein, das auch verschwunden ist, das es nun endgültig nicht mehr gibt. Seine verhältnismäßige Gelassenheit erkläre ich mir nur durch das schreckliche Erleben zuvor: Wer der Lebensbedrohung so direkt ins Auge gesehen hat, kann wohl leichter loslassen. Ich bewundere ihn, ich weine meinen drei (in Wahrheit waren es mehr!) elterlichen Möbeln mehr hinterher als PM seinem gesamten Hausrat.