Der fünfte tote Zeuge

Samstag. Schon wieder ist ein potentieller Zeuge im NSU-Prozess überraschend gestorben: Sascha W. Wer mag jetzt noch an Selbstmord glauben oder gar an eine natürliche Todesursache? Ziemlich genau vor einem Jahr starb die sehr junge Zeugin Melisa Marijanovic an einer für ihr Alter ungewöhnlichen – um nicht zu sagen, unwahrscheinlichen – Todesursache, an Lungenembolie. Zwei Jahre zuvor, im September 2013, war ihr 21-jähriger Exfreund Florian Heilig gestorben – verbrannt in seinem Auto auf dem Cannstatter Wasen. Die ermittelnden Behörden schlossen schon wenige Stunden nach dem „Unfall“ auf Suizid (wie schon bei den beiden verbrannten NSU-Protagonisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt). Und nun also Sascha

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Der IC 1915

Montag. Wie jedes Mal bringt PM mich nach Remagen zum Bahnhof, wo wir, wie jedes Mal, 30 Minuten oder auch länger auf den IC1915 nach Tübingen warten. Entspannte Fahrt ohne durchgeknallte Telefonierer und andere Nerds. Zuglektüre: Als ich die nackte Dame im Kopfstand fand – Ein Psychiater erzählt. Jetzt seit einer Stunde wieder in Tübingen, in meiner Wohnung, zu Hause. Alles okay, Steve gut drauf, Tanja naja, Steve schreibt morgen Klausur und erzählt noch ein bisschen, bevor er sich in sein Zimmer verkrümelt. Eine belebende und gleichzeitig entspannte Woche in B.N. liegt hinter mir: Zeit mit PM. Nichts Besonderes gemacht, spazieren gegangen, gekocht, viel Musik

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Mein japanischer Freund

Wer ist dieser Japaner, der alle meine FB-Beiträge likt? Diagonal durch sein Profilbild fliegt ein Delfin vor gelborangenem Sonnenuntergang. Auf seinem Titelbild eine neongrün beleuchtete Sporthalle, in der kleine, schwarze Gestalten Volleyball spielen. Darunter reizen ausschließlich japanische Schriftzeichen meine Neugier. Seine Seite ist bonbonbunt und seine 40 Freunde, die fast alle Freundinnen sind, zeigen sich mit lustigen Figuren im Arm oder auf dem Kopf vor pinkem, gelbem, grünem Hintergrund. Auf einem seiner Fotos ist ein schlanker Mann mittleren Alters mit wilden Tieren – Bär, Tiger, Nilpferd – zu sehen. Angst scheint er keine zu kennen, wie seine gefährlichen Aktionen beweisen:

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Aufbruch? – DiEM25

Donnerstag. Bezeichnenderweise in der Berliner Volksbühne fand gestern Abend die Sendung Maischberger statt. Seit gestern Abend (direkt zurück aus dem Ruhrgebiet, Familienbesuch, schlimm, aber verkraftbar) bin ich inspiriert von Janis Varoufakis‘ linker, kapitalismuskritischer Europa-Idee „Demokratie von unten“. Auf der FB-Seite seiner Bewegung DiEM25 wird Marx zitiert: Geld ist „das entfremdete Wesen der menschlichen Arbeit“. Solche Sätze habe ich schon lange nicht mehr gehört. DiEM25 („Democracy in Europe Movement 2025„) verbreitet sich ausschließlich über die sozialen Medien. Vielleicht sollte ich meinen Enthusiasmus vorerst mäßigen? Da ist viel Charisma, da sind tolle Leute (Julien Assange aus London zugeschaltet), da ist viel Bewegung

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Der Austauscher

Montag. Der Austauscher oder die Austauscherin* ist ein Mensch, der andere Menschen ausschließlich durch die Brille der Verwertbarkeit oder des Nutzens betrachtet. Er findet es nützlich, sich mit anderen Menschen zu verbinden, weil er ohne diese nicht lebensfähig ist. Zu tiefen Gefühlen ist er nicht in der Lage, oder nur dann, wenn die tiefen Gefühle ihn selbst betreffen. So ist der Austauscher von seinem eigenen Tun gerührt, wenn er für einen anderen, sagen wir, Kaffee kocht oder ein Geschenk macht, weil er das für den höchsten Ausdruck von Liebe und Zuneigung hält. Doch tut er das Wenige, das er für

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PEN’s Flirt mit dem Antisemitismus

Freitag. „Und ich bin eben auch am 6.1. ad hoc bereits ausgetreten. Werde das in der Jüdischen Allgemeinen kommende Woche noch mal schildern“, schreibt/kommentiert mein virtueller FB-Freund Thomas Meinecke, nachdem ich den Beitrag über ihn und die antisemitischen Tendenzen im PEN auf meiner FB-Seite gepostet hatte. (Thomas Meinecke im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio – Andreas Buron, 21.01.16) Hintergrund ist eine Erklärung des Autorenverbandes, der Israels Regierung die Einschränkung der Arbeit von regierungskritischen Organisationen vorwirft. Der Tonfall sei demagogisch und antisemitisch, sagt Meinecke. „Mich stört der Tonfall der Erklärung“, sagt der Autor Thomas Meinecke, wenn man ihn nach dem Grund seiner

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Nichts mehr

Montag. Ich habe keine Lust, Frauke Petry oder Beatrix von Storch und die Auslassungen der beiden Schrapnells über den Schusswaffengebrauch an Deutschlands Grenzen zu kommentieren. Deshalb verlinke ich hier auch nichts dergleichen, und ich lese und höre und sehe mir nichts mehr über sie an, wie generell nichts mehr über die AfD. Mit bestimmten Themen ist man doch ab einem bestimmten Zeitpunkt durch, es bedarf da keiner weiteren Informationen.

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Kunst

Freitag. Dass Kunst neuerdings verhüllt wird*, erinnert mich – leider – an das Kapitel entartete Kunst.   * Zum Empfang des iranischen Präsidenten Rohani am Dienstag, den 26. Januar, ließ der italienische Ministerpräsident Renzi mehrere Statuen auf dem Kapitol und in Museen verhüllen, damit sich der Staatsgast durch den Anblick nackter Steinfiguren nicht erschreckt. Aus Rücksicht auf den muslimischen Glauben sei beim Abendessen auch kein Wein serviert worden, heißt es. (Hollande hatte dies seinerzeit abgelehnt.) Hintergrund sind milliardenschwere Handelsverträge zwischen Iran und mehreren europäischen Ländern nach einer langen Phase der wirtschaftlichen Sanktionen gegen Iran. Auch Papst Franziskus gewährte Rohani eine Privataudienz im Vatikan.

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Speed

Dienstag. Draußen ist Frühling und drinnen werden Konferenzen abgesessen. Qualitätsmanagement, Zahlenreihen, Langeweile, Seifenblasen mit großem Anfangsschillern und dann Ping!, nichts dahinter. Zeitfresser. Slow motion unter Hochdruck. Zu viel, viel zu viel. Der Uraltkonflikt: Lebensunterhalt und Schreiben. Arbeiten auf zwei Ebenen. Termine. Absprachen. Agentur. Verlag. Handwerker. Ärzte. Zwei Mitbewohner. Steuer, Bank, Anwalt, Gericht. PC. Familie, alte Mutter, neue Liebe, große Entfernungen. Allein: Entscheiden allein, allein arbeiten, allein denken. Widerspruch? Lichtblitze: Annes Geburtstagseinladung im Boulanger, Jürgens Zwinkern, Steves Hasteschongehört, Friedis Machsgut, Brigitte will ins Ludwigs und Susanne fragt, wann wir denn endlich mal wieder. Ja klar, mach mir meine Tage länger, dann

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