Scham und Stärke

Freitag. Es sind die starken, selbstbewussten Frauen, denen so etwas passiert. Die sich zu blassen, schwachen Männern hingezogen fühlen – herabbeugen, möchte man sagen, vielleicht weil sie sich bei ihnen in Sicherheit wähnen. Während aus allernächster Nähe, aus dem häuslichen Hinterhalt, auf sie geschossen wird. Was mag in dem blassen, schwachen Christian Ulmen vorgegangen sein, wenn seine Frau ihm beim Abendbrot erzählt, dass sich jemand auf krasseste Weise ihrer Identität und ihres Körpers bemächtigt? Wenn sie vor Scham verzweifelt, weil schon wieder Pornos mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme aufgetaucht sind? Wenn sie angsichts des ständig nachwachsenden Schmuddelmaterials ihre Ohnmacht

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Lesung Salonabend Reuter-Villa

  „Lass uns über den Tod reden“ Salonabend in der Reuter-Villa Eisenach – Gründonnerstag 02.04.2026, 19.00 Uhr Thema: Gründonnerstag – ein Anlass über den Tod zu sprechen Veranstalter: Salonabende in der Reuter-Villa, Kunstverein Eisenach e. V. Wann: Donnerstag 02.04.2026, 19.00 Uhr Wo: Reuterweg 2, 99817 Eisenach Kontakt: 03691 – 74329 *** Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dem Tabuthema Tod umzugehen: Ihm ausweichen („Die Leute wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen!“) oder sich damit konfrontieren, heißt darüber reden. Entstanden ist die Idee zu dem Buch Lass uns über den Tod reden (Ch. Links Verlag Berlin, 2019) durch den Tod meines

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Kein Widerspruch – nirgends

Andrej Hermlin schreibt: Die „Antizionisten“ in unserer Zeit Mein Großvater David Leder, portraitiert 1920 von Gustav Schaffer. (Das Bild wird hier aus rechtlichen Gründen nicht gezeigt, C.J. Vieregge) Das Bild zeigt David vor der Kulisse von Jerusalem. Das Bild ist eine Phantasie. David, der Zionist war, hat Jerusalem nie gesehen. Im November 1938 wurde er in Berlin verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Einige Wochen später ließ man ihn frei, meine Großmutter hatte die SS wohl mit einem Gemälde von Lovis Corinth bestochen. Im letzten Moment, kurz vor Kriegsausbruch, gelang meinen Großeltern die Emigration nach England, wo David einige Jahre

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Social life

Montag, Tübingen. Marcels Geburtstag im Ludwigs gefeiert mit lieben ExkollegInnen, u.a. Mecki. Früher war alles lustiger. Wir sind analytisch & resignativ. Ich weiß schon jetzt, wenn ich wieder in Eisenach bin, werde ich Heimweh haben. Morgen ist Lesung im Hospitalhof.

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Klammheimlich

Donnerstag, Tübingen. Der Krieg bombt die Menschenrechte nicht in den Iran rein, und der Sohn des getöteten Ajatollah Chamenei wird sein Nachfolger. Ach du Scheiße, alles umsonst? Abends Schreibwerkstatt bei mir zuhause. Natürlich gehts hoch her wegen des Krieges im Iran. In Tübingen ist man sich einig, das Palituch hat Hochkonjunktur, und die Querfront Linke-Islamisten hat sich gemütlich eingerichtet. Trotzdem wird mich niemand dazu bringen, abfällig über Israel zu sprechen. Da halte ich es mit Ferdinand von Schirach und bin, aus historischen wie familiären Gründen, ganz einseitig und solidarisch. Denn seien wir ehrlich: Das „Nie wieder“ franst gerade ziemlich aus. Jüdische

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Freud und Leid

Donnerstag, Tübingen. Das Schönste sind die Stunden mit Baby Z. Baby Z. ist gar kein Baby mehr, sondern mittlerweile drei Jahre alt. Sie hat einen unerhörten Wortschatz und switcht mühelos von Deutsch zu Italienisch und zurück. Während mein lieber T. mit Bandscheibenvorfall flach liegt und die chronischen Schmerzen ihn zermürben, versuche ich zu helfen. Ich bin zu selten hier. Das muss ich ändern.

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Klarer Kurs

Mittwoch, Tübingen. Özi hat gewonnen, Hagel verloren. Womit, weshalb, warum? Özdemir „kann’s“, hält „Klaren Kurs in unruhigen Zeiten“, kennt sich mit Wirtschaft und Klima aus. Deshalb war er ja auch so ein großartiger Landwirtschaftsminister. Dass er für die Grünen steht, fällt in diesem rein strategischen Wahlkampf unter den Tisch. Bis auf die lemongrüne Schrift ist auf den Plakaten nichts grün. Ist wohl zu unbeliebt, seine Partei, aber Özdemir ist beliebt. Noch eine kleine Videoschnipsel-Schmutzkampagne gegen den unbedarften CDU-Kontrahenten in die Social-Media-Kanäle gespielt – Manuel Hagels Opa-Spruch vonwegen rehäugiger Schülerin, der fällt ihm jetzt, millionenfach geteilt, auf die Füße – und

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Zu Hause

Dienstag, Tübingen. Wer will denn in Wendlingen aussteigen? Der Mann vor mir, der hätte es fast verpennt und sprintet nach draußen. Wendlingens Kirchturm hat ein rotes Ziegeldach, das sieht man noch lange. Wer will in Nürtingen raus? Zwei Schülerinnen in schwarzem Kopftuch und schwarzen Mänteln laufen zum Ausgang, während sie telefonieren. Bempflingen, Metzingen … die meisten steigen gleich in Reutlingen aus. In Reutlingen konnte man früher einkaufen gehen, wenn man eine Hose brauchte, aber jetzt gibt es keine coolen Läden mehr. Jetzt ziehen Clans in langen Reihen durch die Innenstadt, sodass man ihnen ausweichen muss. Ich kenne niemanden, der noch

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