Sonntag. Auf ein nasses, kaltes Frühjahr folgte vergangene Woche eine Hitzeattacke bis zu 35 Grad. Jeden Tag ein Grad mehr. Im „Amt“ unter dem Dach mit dreißig schwitzenden Personen im Raum zu arbeiten, ist unter solchen Bedingungen eine echte Herausforderung. Und heute also orkanartiger Wolkenbruch. Was von meinen armen Balkonpflanzen im Dauerregen noch nicht abgesoffen und unter der Sonne noch nicht verbrannt war, liegt jetzt platt am Boden. Das wird nichts mehr. Das lohnt sich nicht mehr. (Denke ich öfter in letzter Zeit.) Kann es nicht einfach mal wieder normal regnen und normal warm sein? So wie früher? So 27, 28 Grad? Diese Extreme machen Angst und nerven.
Ich verlasse das Haus in Sommerkleid und Regenjacke – unterwegs ins „Amt“! Am Sonntag! Soweit sind wir schon. Noch ein harter letzter Monat bis zum dicken Ende … für sämtliche Beteiligte angstbesetzt ob der neuen Regelungen, ob der Ausnahmesituation unter Coronabedingungen, ob der Masse an Prüfungen in meinem Fall. Noch nie habe ich so sehr eine Pause herbeigesehnt wie gegen Ende dieses Arbeitsjahres. PM geht es auch nicht besser. Und trotzdem ist er Freitag Nacht wieder hergekommen, um mir die Fahrt zu ersparen.
Gestern Abend: Die Straßen der Innenstadt knallvoll wie in Vor-Corona-Zeiten. Das Wochenende, die Sonne, der 4:2-Sieg gegen Portugal, vor allem aber der – vorübergehende? – Sieg über das Virus treibt die Leute endlich wieder nach draußen und zusammen. PM und ich gehen zum ersten Mal seit einem dreiviertel Jahr richtig essen: Wir haben etwas zu feiern. Auf der Terrasse vom Cantinella neben dem Hölderlinturm bekommen wir den perfekten Tisch direkt an der Neckarmauer mit Blick auf die berühmten Stocherkähne und die nicht weniger berühmten Trauerweiden. Wie für Touristen. PM ist mit der Entwicklung der Dinge zufrieden und sieht so attraktiv aus, dass ich ihn dauernd fotografiere. Auf uns!, kling klong! Jetzt ist die Sache unter Dach und Fach. Jetzt ist es amtlich, sozusagen. Wir reden über Abschiednehmen und Ankommen. Wir sind auf die Zukunft fokussiert, auch wenn der Blick ständig in die Vergangenheit abrutscht. Es gibt Gegenden in Tübingen, da kenne ich jeden Pflasterstein. Manchmal gibt es mir einen Stich. Tübingen fehlt mir jetzt schon. Und ihm B.N.
Wenn alle Stricke reißen, verkaufen wir es wieder. Sagst du doch immer!, sagt PM. Stimmt. Meine Worte. Ohne die er den Deal nie gemacht hätte, sagt er. Stimmt auch. Er hat alles richtig gemacht. Trotzdem haben wir beide Schiss. Manchmal überwiegt der Schiss die Vorfreude. Es ist so ein großes Projekt. Es ist immer besser, wenn man vorher nicht so genau weiß, was auf einen zukommt. Das sage ich nicht. Aber ich weiß: Man schafft immer alles. Am Ende schaut man zurück und wundert sich. Über sich selbst. Und ist wieder ein Stück gewachsen. Im besten Fall zusammen.