Rückblick I u. II

Montag, im Zug. Trauer setzt eine Art manische Energie frei. Ich hab das auch einmal erlebt, wochenlang ging das, am Tag zehn bis fünfzehn Kilometer marschiert, einfach los, egal wohin. Arsène Verny erzählt in Lass uns über den Tod reden davon … und wie er nach dem grausamen Unfalltod seines Sohnes diese Energie kanalisiert und innerhalb von drei Monaten eine Stiftung aus dem Boden gestampft hat. Überirdische, kranke Kräfte – eine Bombe, die gerade hochgeht, verfügt nicht über mehr Schubkraft …

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Stelle mir gerade vor, ich verteidige lautstark meinen reservierten Platz. Wedle mit dem Ticket, keife ein verschrecktes Ehepaar an, erst lautstark, dann leise, scharfzüngig, bis die Zwei verunsichert aufstehen. Triumphierend werfe ich meine Laptoptasche auf den noch warmen Sitz. Die vorwurfsvollen Blicke der anderen Blödmänner lächle ich milde weg. Stunden später, beim Verlassen des Zuges, entdecke ich, dass ich im falschen Wagen bin, 8 statt 9 … solche SlapstickSzenen male ich mir in all ihren Peinlichkeiten so detailfreudig aus, dass ich im Rückblick oft nicht mehr weiß, ob ich sie wirklich erlebt oder nur imaginiert habe. Was natürlich Unsinn ist. Ich bin dermaßen höflich, dass mir manchmal übel davon wird. Erst in den letzten Jahren spät-entwickelt sich bei mir das Talent, mich öffentlich – und ich gebe zu, genussvoll – aufzuregen. Früher ging das nach innen und fraß mich auf.