Tätergeschichten

Donnerstag. Sie erzählen von einem Mädchen, das lange Zeit in der Psychiatrie war.
Was? Warum das? Ich sehe dieses Mädchen vor mir, eine ehemalige Schülerin, fröhlich, laut lachend, aufmerksam.
Ihre Mutter habe etwas ganz Schlimmes zu ihr gesagt, sagen sie, dann sehen sie sich an, und dann auf den Boden und schweigen.
Die Mutter tue nur nett, wenn sie oder andere dabei seien, aber sonst … Sie bricht ab. Zu viel Unaussprechliches im Leben der zurückgekehrten Freundin, das gerade im Schweigen noch unaussprechlicher, noch entsetzlicher wird. Wieso kommt statt der Tochter nicht die Mutter in die Psychiatrie? Fragen, die ihr niemand beantwortet. Die Freundin ist jetzt wieder bei der Mutter, der Terror geht von vorne los. Besoffen sage sie weniger schlimme Dinge als nüchtern.
„Ich würde der ständig Alk besorgen“, sagt einer.
Sie lachen. Sie halten zusammen, sie respektieren sich. Sie erzählen von einem Jungen mit sechs Geschwistern, keinem gehe es gut. Sie reden von Müttern mit vielen Kindern von vielen Vätern, und vom Kindergeld. Die kriegt Kinder nur wegen Geld, sagen sie, und meinen auch ihre eigenen Mütter. Von Müttern und Vätern reden sie ohne Respekt. Auch ohne Hass. Eher resigniert. Sie reden von Tätern. Von Täterinnen. Die schlagen zu und schreien schlimme Dinge raus. Für die haben sie nichts als Verachtung übrig. Mütter sind Schlampen, Väter Arschlöcher.
„Sag mir einen Vater, der kein Arschloch ist.“ Sagt einer, und die Antwort ist Schweigen.
Manchmal finden Bücher einen. Vor zwei, drei Jahren gekauft, vielleicht eher wegen dem tollen Cover, lag es bis jetzt auf dem Stapel der ungelesenen Bücher. Nordstadt, von Annika Büsing. Ich schlage es auf und finde ihre Geschichte wieder. Es gibt sie überall. Oft in den Nordstädten, wo die gesellschaftlichen Verlierer leben. Die, die sich als Restkräfte (PMs Wortschöpfung) empfinden. Dortmund Nord, Erfurt Nord, Eisenach Nord. Unter einem Dach: die Täter und die Opfer. Und das sind immer die Kinder.
Geschrieben wird heute wenig. Mehr erzählt. Ob daraus ein neues Buch wird (was sie sich gewünscht haben), weiß ich nicht. Und wenn, dann wird es ein sehr trauriges Buch.