Samstag. Meine Mama ist tot.
So schwer gelebt, so schwer gestorben.
Gestern Mittag erst hatten wir beschlossen, heute, Heiligabend, zu ihr zu fahren und da zu übernachten (so ist PM). Der Plan war, uns in Eisenach zu treffen, und von dort weiter nach Werne. Das Hotelzimmer war schon reserviert, ich hatte eigentlich keine Sorge, zu spät zu kommen. Die Atmung sei noch normal, die Morphiumgabe noch nicht begonnen, hieß es, ich solle nichts überstürzen. Ehe ich das Ticket kaufen konnte, rief mein Bruder an und sagte es mir.
Seit beinahe einem Jahr nur noch liegend, hat sie ihren Körper zerfallen sehen, eine schreckliche, nicht enden wollende Erfahrung. Im ganzen Körper Wasseransammlungen, die papierdünne Haut an den Beinen davon aufgerissen. Die richtige Lagerung jeden Tag, jede Stunde, jede Minute das größte Problem. So unmenschlich lang und grausam war ihr Sterben. Zum Schluss bekam sie überflüssigerweise Corona. Wie ihre Pflegerin auch; vielleicht durfte sie deshalb endlich sterben, weil sie mal allein war?
Komischer Gedanke. War sie dadurch, dass wir ihr die Pflegerin besorgt hatten, zu wenig allein? Oder zu viel? Weil wir selbst nicht so oft kamen? Schuldgefühle sowieso. Meine Mutter hat es vor sechs Jahren abgelehnt, zu mir zu ziehen. Ein Platz ganz in meiner Nähe, der ihr schon sicher war, hätte es mir ermöglicht, sie jeden Tag auf dem Weg zum „Amt“ zu besuchen. Ihre Ablehnung hat mich gekränkt. Mit 15 von zuhause ausgezogen (wahrlich nicht ohne Grund), dachte ich, das könnte unsere, meine und ihre, zweite Chance sein. Was ich nicht wusste: auch meine Geschwister hatten ihr angeboten, zu ihnen zu ziehen, auch sie erhielten eine Absage. Gibt es eine vermurkstere Mutter-Kind-Beziehung als unsere? Während ich den Vater-Tod als persönliches Drama empfunden und auf der letzten Strecke noch ganz tiefe, intensive Erlebnisse mit ihm (von ihm) geschenkt bekommen habe, geht der Tod meiner Mutter vorüber wie etwas vollkommen Natürliches. Bei meinem Vater damals der Gedanke: Bleibt dieses Traurigsein jetzt für immer? Lebenslänglich? – das hat mich erschreckt. Unmittelbarer Schreibanlass für mein Buch Lass uns über den Tod reden: Die zehn Jahre andauernde Beschäftigung mit Tod und Trauer als Lebenshilfe. Bedingt. Papa und ich konnten nie miteinander reden, ohne aneinander hochzugehen. Trotzdem war da so ein armdickes Band zwischen uns, der eine Strang Liebe, der andere Hass.
Heute Vormittag ist PM noch bei seinem Vater in Eisenach und bringt ihm die traditionellen Rinderrouladen vorbei, bevor er herkommt. Zum ersten Mal feiern wir zu zweit Weihnachten. Mein lieber T. und E. erwarten ihr erstes Kind, die Geburt wurde vor drei Tagen eingeleitet (da hatte ich noch gedacht: Die eine kann nicht gehen, die andere nicht kommen). Meine liebe L. kommt dann nach den Feiertagen aus Köln her.
„Kann mir mal einer sagen, wann das Leben endlich nicht mehr anstrengend ist?“, hatte ich vor einigen Tagen in meinen Weihnachtskarten gefragt. Eine, die liebe Ingrid V. (und frühere Mitarbeiterin meines Großonkels Wolfgang Kaskeline) hat mir geantwortet:
„Es gibt kein Leben ohne Anstrengung … zumal wenn man noch umgeben ist von lieben Menschen wie Kinder, Enkelkinder usw. … überall gibt es ein Päckchen zu tragen, auch ohne unser Zutun, aber wir sind gefordert, es mitzutragen.“