Träume sind keine Schäume (Vorwort Kap 1)

Donnerstag, Kiel. Als ich im Sommer 2023 nach Eisenach umzog, konnte ich mir meinen neuen Arbeitsplatz aussuchen, so viele freie Stellen gab es auf einmal.

Schon seit langem träumte ich davon, aus dem idyllischen Tübingen wegzugehen und einen beruflichen Neuanfang zu wagen, der mir vor allem mehr Zeit zum Schreiben einräumen würde.

Jeder, der mit dem Spagat zwischen Kunst und Brotberuf lebt, kennt das Problem: die Balance zu halten zwischen Geldverdienen und Selbstverwirklichung in einer Tätigkeit, die der Leidenschaft den ersten Platz einräumt.

Die Ahrtalflut hatte unseren Plan, in Ahrweiler zusammenzuziehen, mit einem Schlag durchkreuzt. „Was hältst du von Eisenach?“ hatte mein Lebensgefährte Matthias mich gefragt, und ich war mit der Stadt seiner Kindheit und Jugend sofort einverstanden gewesen.

Meine Wahl fiel auf eine staatliche Regelschule – Neuland für mich, die ich vom Gymnasium herkam. Als wir uns, meine beiden Hauptschulklassen und ich, am 21. August 2023 zum ersten Mal gegenüberstanden, musterten sie eingeschüchtert oder genervt ihre neue Lehrkraft und dachten sich ihren Teil.

Ich mir auch. Widerstand hatte mich schon immer zu ganz neuen, individuellen Zugängen herausgefordert. Etwa die Hälfte der Mädchen und Jungen sprach nur unvollkommen Deutsch. Ein Jahr zuvor hatte ich mit ukrainischen Jugendlichen eine deutsch-ukrainische Schreibwerkstatt geleitet – ein literarisches Integrations-Experiment. Auch die ukrainischen Kinder sprachen kaum Deutsch und hatten große Vorbehalte gegen unsere Schrift. Also ließ ich sie auf Ukrainisch bzw. Russisch schreiben. Unsere Übersetzungsprobleme löste die Technik. Als sie auf einer öffentlichen Lesung in der Stuttgarter Stadtbibliothek begeisterten Applaus für die zunächst in ihrer Muttersprache, dann auf Deutsch vorgetragenen Texte empfingen, spiegelten ihre Gesichter den Stolz auf diesen Erfolg.

So etwas schwebte mir jetzt auch wieder vor. Natürlich ist eine Schulklasse keine Creative-Writing-AG. Doch trotz anfangs lautstarker Proteste, die von ungläubigem Gelächter bis Türenknallen reichten, hatte ich schon nach einer Woche von insgesamt 40 Mädchen und Jungen zwölf Texte beisammen. Bereitwillig lasen sie vor, überraschten mit ihren Miniatur-Innenansichten mich und ihre Mitschüler und vor allem – sich selbst.

Lisanne (Namen alle geändert) weigerte sich konsequent überhaupt loszulegen. Immer wieder speiste sie mich mit neuen absurden Ausreden ab, bis sie mir eines Tages am Ende der Stunde ein Blatt auf den Tisch knallte. „Hier, für Sie“, fauchte sie, drehte sich auf dem Absatz um und rauschte zur Tür heraus.

Ihr Text war so anrührend, dass mir fast die Tränen kamen. Nicht nur hatte sie die Aufgabe verstanden, sie hatte ihr Herz weit geöffnet: Mit einem Text über ihre Lieblingsjacke, die sie immer an ihren Exfreund erinnert, weil sie diese Jacke beim ersten Kuss getragen hat.

Seit ich an der Regelschule unterrichte, fühle ich mich ziemlich oft in das Filmset von Fack Ju Göhte versetzt. Ich erkenne eine Chantal wieder, eine Zeynep und einen Daniel. Doch während ‚meine‘ Zeynep sich die Nägel manikürt und ihre verrutschten Wimpern wieder festklebt, produziert sie göttliche Texte über ihren geliebten Rollladen, der sie ausschlafen lässt. Darauf muss man kommen!

Eine Frau, die schreibt, brauche 500 Pfund im Jahr und Ein Zimmer für sich allein, postulierte Virginia Woolf 1929 in ihrem weltberühmten feministischen Essay unter dem gleichlautenden Titel.

Ich stelle ihre These zur Diskussion. Einige meiner Schülerinnen und Schüler haben kein eigenes Zimmer. Dass sie trotzdem schreiben und ihre Hausaufgaben machen, finde ich bemerkenswert. Ich selbst habe seit dem Sommer ein Zimmer mit Aussicht auf die Wartburg. Und wenn ich mal genug habe, dann gibt es auch noch mein Zimmer in Tübingen. Für diesen Luxus arbeite ich – in begrenztem und selbstbestimmtem Umfang: für meine beiden Zimmer zum Schreiben.

„Sind Sie Lehrerin?“ fragt ‚meine‘ Zeynep mich eines Tages entgeistert. Ich bin über ihre Frage nicht weniger entgeistert. „Wir dachten, Sie sind Therapeutin“, klärt sie mich auf, „weil Sie immer so fragen, wie es uns geht, und was der Text mit uns macht.“

Der emotionale Zugang zu Texten ist für sie wohl neu. Ich fühle mich sehr frei in meiner Unterrichtsgestaltung. Ich arbeite jetzt mit halbem Deputat, wodurch mir ungewohnt viel Zeit zum Schreiben bleibt. Die Arbeit fällt mir leicht, sie ist auf ihre spezielle Weise auch kreativ, was wiederum meinem eigenen Schreibprozess zugutekommt. Eine Win-Win-Situation auf allen Ebenen.

Inzwischen haben wir uns aneinander gewöhnt. Rahman klappt nicht mehr seine Augenlider um (ein grässlicher Anblick!), Enis mampft keine Nudelgerichte mehr während des Unterrichts. Laut sind sie immer noch, aber dazwischen fällt auch mal ein echt lustiger Witz, oder jemand haut einen brillanten Satz raus, und das Lächeln über ein unerwartetes Lob erhellt wie ein Sonnenstrahl ihre Gesichter und das Klassenzimmer.

„Freunde!“ flötet Lanika mir ins Ohr und stützt sich mit dem Ellenbogen auf meiner Schulter ab. Die fehlende Distanz muss ich gelegentlich wiederherstellen. Immer wieder rücke ich die unterschiedlichen Sprachebenen in ihr Bewusstsein, wenn mich jemand mit „Ey Digga“ anredet, mich duzt oder ich ihr sexualisiertes Vokabular nicht länger überhören mag. Wenn sie trotzdem mal wieder „Scheiße“, Fi…“  und „Fo…“ schreien und mich dabei von der Seite anschielen, dann weiß ich, dass sie es kapiert haben. Das ist schon viel.

Kaum jemand hat ernsthafte Probleme mit den Anforderungen des Unterrichts. Der Vorstellung, Kinder und Jugendliche eindeutigen Leistungskategorien zuordnen zu können, habe ich mich immer verweigert. Manche sind aggressiv, weil sie sich mit der deutschen Sprache schwertun, manche fühlen sich als Loser, weil sie sich gesellschaftlich entsprechend gespiegelt sehen. Hinter einer derben Fassade sitzen die Tränen oft locker. Sie weinen aus Wut. Oder aus Trauer über Ungerechtigkeiten. Und sie freuen sich, wenn plötzlich was klappt.

Ich versuche sie für die Idee einer gemeinsamen Anthologie zu begeistern. Auf ihre Freude, wenn sie sie eines Tages in den Händen halten, freue ich mich schon jetzt. Ganz einfach, weil sie gut sind.

Und weil es mir Spaß macht. Ich glaube, mir gelingt endlich das, wovon ich so lange geträumt habe: Die Vereinigung von Kunst und Brotberuf.