Freitag. „Ach, es wird ein kurzes Intermezzo sein. Die Inzidenz steigt auch hier. Wenn unser Lebensinhalt nur aus Shoppen besteht, dann sollen die Infektionen halt wieder steigen. Ist mir wurscht! Weltweit ne Pandemie, und am wichtigsten Fußball & Shoppen…“
Ich kenne den Typen nicht und auch nicht den, dem sein verächtlicher Kommentar gilt, aber innerlich gehe ich auf Verteidigung. Dabei ist mein Interesse für Fußball durchaus mäßig, und meine Shopmania hat spätestens die Pandemie mir ausgetrieben. Ich ärgere mich über die Eindimensionalität seines Statements, that’s it! Shoppen und Fußball sind doch Synonyme für Leben. Ich habe Sehnsucht nach Leben, während die Pandemie uns seit Monaten in Totenstarre versetzt.
Daran trägt niemand Schuld. Die Pandemie ist nicht menschengemacht. Für das Impf-Debakel, sprich: den Mangel an Impfstoff, gibt es dagegen durchaus Verantwortliche und somit Schuldige. Diese scheinen das selbst so zu sehen: Politiker, Gesundheitszentren und -ämter sowie Pharma-Unternehmen schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu, anstatt zu handeln. Fast scheint der tiefere Sinn der Endlos-Debatten – aktuell die Priorisierung von Impfstoff – im Zeitgewinn angesichts einer nicht bewältigbaren Situation zu liegen. Als Bürgerin bin ich fassungslos über eine Regierung, die ihren geopolitischen Reflexen unterliegt und ihre Bevölkerung lieber gar nicht impft, als russischen oder chinesischen Impfstoff zu ordern, wie etwa Chile, Serbien, Israel und auch Ungarn es uns erfolgreich vormachen. Schon lange haben diese uns impftechnisch überholt: Während laut Bundesgesundheitsministerium gerade mal 2,8 Millionen Deutsche durch vollständige, heißt zweifache Impfung geschützt sind, können das in den genannten Ländern fünf bis sechs Mal so viele Bürger*innen von sich behaupten.
Dafür gibt es Ursachen. Wir Deutsche sind auf Gründlichkeit abonniert. Wir sind doch die Organisationsweltmeister – und jetzt in Sachen Impfmanagement plötzlich abgehängt? Zum Beispiel diese typisch deutsche Priorisierungsdebatte – sie kostet Zeit und Geld und nicht zuletzt Menschenleben, derweil in anderen Ländern einfach drauf losgeimpft wird, egal wie alt die Geimpften sind.
Bei uns geht das nicht. Prof. Karl Lauterbach gestern Abend in irgendeiner Quatschrunde: Zuerst müssen die Alten geschützt werden, dann die Mittelalten, dann erst die Jungen. Das ist deutsch. Das hat System, so ticken wir, so hat sich das schon hundertfach bewährt. In der Pandemie aber offensichtlich nicht. Die Pandemie setzt die Paradigmen neu, damit tun sich Deutsche offenbar schwerer als andere.
Ich als Einzelne kann daran nichts ändern, außer Maske tragen, Abstand halten, Verantwortung für mich selbst übernehmen. Schuldzuweisungen, Verachtung der Politiker*innen, der wissenschaftlichen Berater unterschiedlicher Couleur, der Andersdenkenden bringen uns keinen Schritt weiter – verpesten aber nachhaltig das soziale Klima.
Vielleicht gehe ich die nächsten Tage auch mal shoppen, morgen oder kommende Woche … auf jeden Fall noch vor Ostern, denn schnell könnte alles wieder dicht sein (nach der Ba-Wü-Landtagswahl?), in dem Punkt gebe ich dem unbekannten Griesgram Recht.
Hoffentlich verachtet mich jetzt keiner.