Vertrauen

Dienstag. Meine Tochter, meine liebe L., hat es ziemlich erwischt, zum Glück hat sie keine Langzeitschäden wie Erschöpfung oder Geschmacksverlust.
Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei absurden 1466,5; in Baden-Württemberg sogar bei 1564,5. Mit Sehnsucht wird der Peak erwartet, die Impfstoffe greifen bei der Omikronvariante nicht richtig, Tausende infizieren sich trotz Dreifach-Impfung und genesen auch wieder. Das Omikronvirus scheint nicht so gravierend, lässt sich offenbar wie eine Grippe überstehen. Trotzdem gibt es die Hysterischen, die panische Angst haben sich anzustecken, und es gibt die Impfpaniker, die sich ausgegrenzt und ans Hitlerreich erinnert fühlen und einem von Nanobots im Blut die Ohren vollquatschen. Ich versuche mich rauszuhalten. Wenn das C.-Wort fällt, drehe ich mich um. Ich kanns nicht mehr hören, die verrückte Meute geht mir auf den Zeiger, ich habe andere Probleme.
Im „Amt“ sitzt du dreißig von Masken verhüllten Gesichtern gegenüber, auch du trägst sie nonstopp, die Ohren schmerzen dir von den Gummibändern, die Frisur sitzt nicht, aber wen interessieren noch Frisuren? Die Politik mahnt Lockerungen an: seit dieser Woche kann man wieder ohne Impfnachweis in die Geschäfte. Ich gehe trotzdem nicht rein, für scharfe Designs fehlt gerade der kreative Geist, und Materialien werden nicht geliefert – das Wort Lieferengpässe hat Hochkonjunktur. Fassungslos stehst du vor dem Schaufenster deiner Lieblingsboutique: Programmatisch steckt die ganze Verzweiflung in den sackartigen Klamotten mit liebloser Schnittführung und grauenhaften Pastellfarben, die vom Frühling künden sollen. Gut, dass ich in vorpandemischen Zeiten fleißig geshoppt habe, ich brauche nichts, und auch wenn das Angebot besser wäre, würde ich trotzdem nichts brauchen.
Das Umdenken ist greifbar, die zielführenden Do-Its heißen: Konsumtechnisch die Reißleine ziehen, der Fremdbestimmung ein Ende setzen. Noch nie war sie so groß, und das passiert ausgerechnet uns – der Generation, die sich die Selbstverwirklichung zum Lebensprogramm gemacht hat. (Der verbalisierte Wunsch danach – „Ich möchte mich selbst verwirklichen!“ und die väterliche Reaktion: meine vorletzte Ohrfeige; historisches Missverständnis oder familiäre Gewalt? – haben dazu geführt, dass ich mit 15 von zuhause ausgezogen bin. Wenn hier eine mitreden kann, dann bin ich das).
Ich gehe jetzt live! Offensiv! Meinen Körper habe ich durch monatelangen Online-Unterricht ruiniert, die kaputte Schulter setzt mir für ewig ein Signal. Den Geist lasse ich mir nicht auch noch ruinieren. (Elternabend im Chatroom? Never! Ich lösche die technische Anleitung des Wichtig-Wichtig-Mathekollegen und vereinbare telefonisch ein Präsenz-Date – und erfahre, dass ich nicht die Einzige bin, die sich dem Unsinn verweigert).
Schockierende Fälle im Umfeld des „Amtes“ rütteln an meiner Lethargie: Die Jugendlichen leiden still. Sie sagen nichts, aber sie schlafen nicht mehr. Sie hängen in den Nächten an ihren Handys und suchen verzweifelt nach Lösungen. Die Psychiatrien sind voll, die Mädchen – es sind immer Mädchen – werden in die weitere Umgebung verklappt und schreiben ihre Unglücksmails aus der Ferne. Die Jungs werden noch nerdiger, nur die wenigsten sprechen von ihrer Einsamkeit, ihrer Überforderung. Das „Amt“ setzt auf Leistung. Wie kann man Leistung messen, wenn die Gehirne der Lernenden doch so offensichtlich blockiert sind von ganz existenziellen Fragen? Noch nie sind Menschen so kaltschnäuzig entsorgt worden wie in diesen Tagen. Dem Einzelnen nachgehen? Wozu? Wer stört, soll gehen! Dass man dabei die Sensibelsten, Empfänglichsten verliert – scheißegal!
Die Pandemie beschleunigt den menschenunwürdigen Prozess – und macht ihn sichtbar. Das ist das einzig Gute daran: Die falschen Götter glänzen nicht mehr. Die Aussteigermentalität meiner Tochter und ihrer Kölner WG setzt Zeichen (die ich lange als Angriff missverstanden habe): es ist eine Bewegung mit anderen Werten. Ihre Mitstreiter*innen sind super fit, was die Digitalisierung angeht, etwa um das Konzept des Food Sharing umzusetzen, aber sie misstrauen dem Gelaber von Fortschritt und Wachstum.
Von der Next Generation lernen: Ich vertraue ihr.