Was man von hier aus sehen kann

Donnerstag. Das Buch Was man von hier aus sehen kann ist der sehr sonderliche, uneingeschränkt gute Roman von Mariana Leky vom Frühjahr 2019 (DuMont). Ich freue mich jeden Tag aufs Weiterlesen. Es ist ein reines Frauenbuch. Es erfüllt die Leserin mit einer Behaglichkeit, die aus der Zeit gefallen scheint. Wie Kerzenlicht. Wie selbstgebackener Bienenstich. Es passiert auch nicht viel. Aber das, was passiert in diesem ganz besonderen Dorf im Westerwald, wird so schön beschrieben, dass frau in die Seiten plumpst wie in eine Daunendecke.
Man könnte jetzt darauf kommen, ich hätte den ganzen Tag nichts Besseres zu tun als schöne Bücher zu lesen. Das ist fast schon lustig. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Meine Lesezeit beträgt jeden Abend geschätzte fünf Minuten, dann fällt mir das Buch auf die Nase und ich falle in Tiefschlaf. Je mehr das „Amts“jahr dem Ende zugeht, desto mehr gibt es zu tun. Abends torkel ich aus dem „Amt“ und habe vom wunderschönen Sommer nichts mitbekommen, dafür aber ca. achthundert Einzelschicksale. Die werden zweimal im Jahr marathonmäßig abgehandelt. Einige sind erschreckend schlimm, die meisten normal. Über die spricht man nur kurz. Die anderen lassen einen hilflos zurück, weil es in unserem System so ist und sein soll, dass man – wir – viel wahrnehmen und wenig Handlungsspielraum haben. Das geht bis zum behördlich verordneten Redeverbot. Gerade da, wo viel geredet werden sollte. Das „Amt“ trifft keine Schuld, es leidet selbst unter diesem System. Es sind die eingeschalteten Behörden, die sich abwenden und anderes zu tun haben. Genauso verhält es sich mit der hoch gehandelten digitalen –
nein, das Fass mache ich nicht auf. Dessen sollen sich die Medien annehmen, wenn sie von der ganzen Dramatik erführen, würde sie sich entsetzen, aber sie erfahren es nicht. Denn wer sollte die Missstände nach außen tragen? Ohne sich zum Verräter und Nestbeschmutzer zu machen?
Geld ist genug da. Unmengen Gelder, die einfach mal versenkt werden. Das ist das Schlimme daran, dass du – ich, wir – manchmal so furchtbar deutlich siehst und sehen, woran die Nichtlösung eines Problems hängt, aber nichts daran ändern kannst und können. Das ist die Freiheit unserer kapitalistischen Demokratie bzw. unseres demokratischen Kapitalismus‘: Du kannst alles sagen, du kannst es sogar hinausschreien. Aber es hört dir niemand zu. Da ist eine Wand zwischen denen, die etwas brauchen, und denen, die es haben, aber nicht hergeben oder es falsch geben, weil Zeit auch Geld ist oder weil sie gerade keinen Bock haben …
Was man von hier aus sehen kann erzählt das Gegenteil von Nicht-Zuhören, Nicht-Helfen. Hier hören sich alle zu und alle sorgen füreinander. Eigentlich ist es ein Buch über Nächstenliebe. (Vielleicht deshalb die sehr schräge Erzählperspektive, die es streng genommen so gar nicht gibt: Die der allwissenden Ich-Erzählerin!). Eine wunderschöne Sozialutopie – und könnte so einfach nachzuspielen sein.