Corona Diary / Fleisch

Montag. Beim ostwestfälischen Fleischverarbeiter Tönnies wütet das Virus. Die Zahl der Infizierten ist auf 1331 gestiegen. Manche werden stationär behandelt, sechs Personen liegen auf der Intensivstation.
Damit – und mit zwei weiteren Hotspots im Bundesland – ist der R-Faktor, auf den wir allabendlich schielen, flugs auf 2,88 geschnellt. Oh Gooott! Der war doch schon bei 0,55. Wie konnte das passieren?
Stehen Fleischbetriebe, wie auch Spargel- und andere Erntebetriebe, nicht längst unter besonderer behördlicher Beobachtung? Sind die katastrophalen bis ekligen Wohn- und Arbeitsbedingungen der sog. Werkvertragsnehmer – früher nannte man sie Saisonarbeiter – nicht längst durch alle Medien gegangen? Von den beengten, unhygienischen Wohnverhältnissen der meist osteuropäischen Fleischarbeiter und Spargelernter*innen weiß die Öffentlichkeit seit Wochen; unschwer sich vorzustellen, dass besonders sie für den Ausbruch des Virus verantwortlich sind. Oder haben die Fleischarbeiter und Erntehelfer*innen es aus ihrer Heimat eingeschleppt? Oder welche Rolle spielen die niedrigen Temperaturen vor allem in der fleischverarbeitenden Industrie?
Fragen über Fragen. Haben die Gesundheitsämter da was verpasst?
Warum gibt es in der Fleischindustrie überhaupt so viele Werkverträge? Welche besonderen Werke gilt es denn da zu erfüllen? Haben diese Betriebe nicht vielmehr immer gleich viele Schweine und Rinder zu zerlegen?
Als Werkvertragsbeschäftigter ist man nicht sozialversichert. Im Krankheitsfall gibt es auch keinen Anspruch auf Entgeltfortzahlung. Die Tätigkeiten werden meistens von externen Dienstleistern im Rahmen eines Werkvertrages übernommen. Das ist für den auftraggebenden Unternehmer reizvoll, da bei den Externen die geltenden tariflichen Arbeitsbedingungen umgangen werden können (Mindestlohn!). Werkvertragsbeschäftigte sind wesentlich billiger als festangestellte Mitarbeiter. Außerdem sind sie kontrollierbar: Sie wohnen in firmeneigenen Wohnanlagen oder in leerstehenden Kasernen, sie beherrschen die deutsche Sprache nicht, sie sind auf die schlecht bezahlte Arbeit angewiesen.
Dazu kommt, dass die oft unüberschaubare Anzahl von externen Subunternehmen die Verantwortlichkeit vereitelt, wenn mal wieder zufällig etwas auffliegt.
Der Punkt ist: Würden die Werkverträge in der fleischverarbeitenden Industrie zugunsten von Festanstellungen abgeschafft, wäre das Fleisch teurer. Wer über die offensichtlichen Missstände meckert, muss also bereit sein, mehr zu zahlen. Am besten fängt man gleich heute damit an: Das Hühnchen fürs Mittagessen nicht mehr im Supermarkt kaufen, sondern beim Metzger oder im Bioladen. Muss ja nicht jeden Tag sein. Man kann auch ganz aufhören, Fleisch zu essen. Ich esse immer weniger Fleisch. Ich vermisse es nicht. Zum Wochenende hat PM Thüringer Leberwurst mitgebracht, die war vom Metzger in Eisenach und hat köstlich geschmeckt. Das reicht jetzt erstmal wieder für ein paar Tage.
Manchmal sind die Kausalketten lang und kompliziert. Aber so kompliziert auch wieder nicht.