Corona Diary – Vorübung

Freitag. An eine existenzielle Katastrophe wie die Pandemie können wir wohlstands- und sicherheitsverwöhnten Europäer uns nicht so ohne Weiteres gewöhnen. Wir haben die Wissenschaft, die Technik und eine hochentwickelte Medizin auf unserer Seite – was soll da schon passieren? Unsere größte Sorge gilt der Ausbildung der Kinder, dem Berufsalltag, den Hobbies, den Urlaubsreisen.
Und plötzlich kommt ein Virus aus dem Nichts und stellt alles infrage. Unser gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Leben liegt am Boden, Wissenschaftler*innen und Mediziner*innen kommen an ihre Grenzen, jeder ist mit sich allein. Corona-Alltag: Man bewegt sich nicht mehr, man sieht niemanden mehr, man spricht mit seinem Bildschirm. Wie soll es weitergehen? An den Sieg über das Virus glaubt niemand mehr. Dass Corona in Zukunft zu unserem Leben gehört, ist die bittere Pille, die wir uns noch zu schlucken weigern. Wir ahnen aber schon, dass sich unser Verhalten im Alltag grundlegend verändern wird, weil es in einer globalisierten Welt nicht bei dieser einen Pandemie bleiben kann. Und dass die Pandemie nur eine Vorübung für weitere Katastrophen ist: für den drohenden Klimakollaps zum Beispiel, der uns durch Corona kurz mal aus dem Blick geraten ist.
Der Lockdown ist bei Weitem nicht das Schlimmste. Es ist die Ungewissheit über unsere Zukunft, die jedem einzelnen an die Nieren geht. Wir haben die Zuversicht verloren. Die Pandemie zieht uns den Zahn, dass alles gut werden wird.