Achterbahn

Donnerstag. Eine lethargische Menschenmasse, dicht aneinander gedrängt auf der Fahrt von A nach B, nimmt die eineinhalb Stunden Verspätung gleichmütig hin wie auch den Ausfall der Klimaanlage oder das Stehenbleiben des Zuges auf freiem Feld oder auf Miniaturbahnhöfen, die niemand kennt. Die Passagiere werden mit einer Vielzahl von Begründungen für die Ausfälle bei Laune gehalten: Fehlender Lokführer, fehlgeleiteter vorausfahrender Zug, Umleitung, Schienenschaden, Betriebsschaden, Stellwerkschaden. Andere Züge fallen komplett aus, man hat also noch Glück gehabt, shit happens an Tagen wie diesem. Die Jungs und Mädels lesen die Rekorde der letzten Tage vor: 40,7 Grad, sogar 41,2 in irgendeinem Dorf am Rhein.
Wieder zuhause, freue ich mich am fließenden Wasser, am Strom, am Internet. Oh yes, das sind die einfachen Dinge, die dich glücklich machen können.
Lutherhaus, Bachhaus, Wartburg, Wanderung durch die Drachenschlucht, Stadtführung, andere Führungen und vier Tage lang Geschichten, immer wieder neue Geschichten von grauenhaft bösen Herrschern und herzensguten Herrschergattinnen, von Waldgeistern und Drachentötern. Letztlich siegt das Gute, jedenfalls in Thüringens Geschichte. Die Jugendlichen hören zu und nicken zufrieden. Wir haben eine tolle Stadtführerin und einen tollen Wanderführer; die wissen nicht nur viel, sondern sie erzählen auch gern.
Heute, vor der Abfahrt, noch ein Druckereikurs, die Museumspädagogik erweist sich als durchaus ausbaufähig („Seid ma leise, sonst mussich lauter sprechen und darauf habbich kein Bock!“), da ist noch Luft nach oben, würde PM sagen. Dann ab zum Bahnhof mit Koffern und Rucksäcken und bei Subway noch ein letztes Sandwich.
Sie sind müde, die Hitze setzt uns allen zu, und sie haben zu wenig geschlafen. Am Abend davor, sie sind zu aufgeregt von den Aufregungen der letzten Tage, sage ich mehr zum Spaß, lasst uns eine Nachtwanderung machen. So schnell wie nie kommen sie raus aus ihren Zimmern, 28 an der Zahl, aus den Betten, von den Handys, vom Kartenspiel weg. Wohin jetzt? Durch den schwarzen Wald geht es zum Prinzenteich. Hoffentlich passiert nichts, vage Furcht vor gebrochenen Füßen und so, ich spüre die Verantwortung, oh mein Gott!, was für ein total blöder Vorschlag war das. Oder doch nicht?
Joggen um den Teich, Gekreisch und Gelächter und dazu Rap aus dem Bluetooth-Lautsprecher – bestimmt wieder so bekloppte Wessis, bringen nur Unruhe und Durcheinander: Verstecken im Dunkeln, im Gebüsch, im Gebälk eines Klettergerüsts, hinter den beiden Baggern, auf der Enteninsel im Prinzenteich. Der ist schon seit Monaten abgelassen, wegen Rohrschaden. Man kann durch ihn hindurchwaten, aber die Schuhe bleiben stecken und sehen anschließend aus wie eingegipst. Im Dunkeln geht es zurück, es ist Mitternacht durch, und jetzt ist der Tag rund wie der Vollmond und lässt uns endlich ins Ruhekissen sinken.
Wegen der Baustelle am Prinzenteich, genauer, wegen versehentlichen Durchbohrens eines Wasserrohres hat es tags zuvor kein Wasser mehr gegeben. Nicht nur bei uns. Das ganze Eisenacher Mariental steht ohne Wasser da. Am Mittag ist es passiert, wir erfahren es erst, als wir bei abartigen 38 Grad von der Wartburg heruntergestiefelt kommen und nur eine Vision uns weiterstiefeln lässt: Duschen! Bald!
Ein Zettel an der Haustür konfrontiert uns mit den herben Tatsachen. Also keine Dusche, keine Toilette – kein Abendessen, sagt die Köchin, die keine Köchin ist und verzweifelt die Arme hebt. Schlechte Stimmung kommt auf. Motivation, good Vibrations, positive Inputs zu geben ist ein wesentlicher Teil meines Berufes. Manchmal kann ich es, manchmal mag ich mich selbst nicht in dieser Rolle. Ich bin auch sauer. Die Leiterin hat sich verdrückt; statt einen Plan B bereitzuhalten für ihre zahlenden Gäste, ist sie nach Hause gefahren. Wie schon die vergangenen Tage, steht ein Aufsteller im Fenster der Pforte: Liebe Gäste, die Pforte ist im Moment nicht besetzt. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an die Küche.
Die arme Küchenfrau steht kurz vorm Kollaps. Zu allem Übel folgt auf zu wenig Wasser zu viel Wasser: Ein ganz Ausgeschlafener hat in der Dachetage den Hahn aufgedreht und, da nichts herausgekommen ist, verärgert das Zimmer verlassen. Doch gegen Abend kommt das Wasser zurück. Und wie es kommt! Plötzlich fallen in den zwei Stockwerken darunter die Lampen von den Decken. Sie sind voller Wasser, auch die, die noch an der Decke baumeln mit kraftlos flackernden Birnen, sind gewässert wie Blumentöpfe. Putz fliegt durch die Gegend, die Mädels kreischen, die Jungs stehen staunend um den schnell anwachsenden See vor ihrer Zimmertür.
Inzwischen sind wir geduscht, und das nächste Abenteuer erwartet uns. Fünf Feuerwehrmänner stürmen die Treppe rauf. „Mitkommen!“, herrschen sie meinen verdutzten Kollegen, den einzigen Mann im Haus, an. Immer noch gibt es nur die Köchin, die keine richtige Köchin sei, wie sie uns mehrfach versichert, und die Leiterin ist irgendwie auch nicht die richtige Leiterin, weil der richtige Leiter untergetaucht ist. Seine Stellvertreterin auch. Erst nach Stunden kommt sie vorgefahren und faucht uns an. Fauchen als Selbstschutz. Sie hat Mist gebaut, ganz klar. Der Pizzadienst ist unsere Rettung. Wobei die Bestellung einem Drahtseilakt gleichkommt: Die Telefonleitung bricht nach gefühlten zehn Sekunden ab, das WLAN funktioniert nur auf einem ganz bestimmten Treppenabsatz, auf dem sie abends zusammenhocken wie die Hühner. Leider kommt der Lieferant mit mehrstündiger Verspätung, die Stimmung ist trotz der wirklich guten Pizzas erstmal im Eimer, und das schon am zweiten Tag. Und dann ist es da, das Urteil, das Vorurteil, das Gefühl: hier ist der Osten, und wir sind der Westen.
Später nach ihren Eindrücken gefragt, finden sie die Reise toll. Ist ja auch genug passiert. Nächstes Jahr wollen sie nach Paris. Mit dem TGV …