Alles ist im Fluss

Montag. Meine Mitbewohnerin Lisa hat sich als Rumpelstilzchen entpuppt und ist Hals über Kopf ausgezogen. Da sie Sediq und mir das Leben zunehmend schwer gemacht hat, sind wir nicht gerade traurig. Eher erleichtert. Gestern Nachmittag haben wir mit Kaffee auf den positiven Ausgang in der Sache angestoßen.
Thema Nr. 1 sind aber die alles andere als positiven Entwicklungen im Iran. Nach meiner Rückkehr habe ich Sediq sehr niedergeschlagen angetroffen. Als Insiderin hat sie einen anderen Blick auf die jüngsten Ereignisse. Und wenn sie sich über das Mullah-System auslässt, über die permanenten Schikanen, über den Wert eines Mannes im Vergleich zu dem einer Frau – genau das Doppelte! – , über willkürliche Entscheidungen, die in meinen Ohren nur strange klingen, dann verstehe ich sie einschl. ihrer Einstellung zu Amerika. Über manche Sachen könnte man lachen, wenn sie nicht so furchtbar wären. Wir können uns diese Verhältnisse in der Realität gar nicht vorstellen. Die Städter und die jungen Leute im Iran sind gebildet, sie kennen die Welt, sie sind informiert. Und müssen sich auf der anderen Seite einem Gewaltsystem unterwerfen, dessen Werte, dessen Vertreter sie nicht für voll nehmen können. Doch die Bevölkerung ist gespalten, und das System ist reich und mächtig und international vernetzt.