Amazing Amazon

Dienstag. Rücksendungen werden bei Amazon nicht an die Händler zurückgeführt, sondern zerstört. Da das in Deutschland verboten ist, werden die Sachen nach Polen, genauer: Kattowitz transportiert – zu sehen in der Doku Team Wallraff, Reporter undercover – bei Amazon. Bei Amazon gibt es den Beruf Destroyer! Diese Leute zerschneiden, zertrümmern, zerfetzen die verschmähten Neuwaren (jedenfalls offiziell, inoffiziell wissen sie hoffentlich Besseres damit anzufangen). Was macht das mit einem Menschen, wenn seine tägliche Tätigkeit darin besteht, nagelneue Waren kaputtzumachen?
Was Wachstum genannt wird, ist heute in Wirklichkeit der Auswuchs einer krebsartigen Wucherung, die unseren gesellschaftlichen Organismus zerstört. Mit einer unerklärlichen, sinnlosen Vitalität metastasieren diese Auswüchse endlos weiter. Das funktioniert nur, indem den Mitgliedern der Gesellschaft, also uns, ununterbrochen unerklärliche, sinnlose Bedürfnisse suggeriert werden. Ab einem bestimmten Punkt ist Produktion nicht mehr produktiv, sondern destruktiv. Der Kapitalismus hat diesen Punkt längst überschritten. Seine Destruktivkräfte bringen nicht nur ökologische oder soziale, sondern auch mentale Katastrophen hervor. Für all diese verheerenden Auswirkungen des Kapitalismus steht Amazon!
Jeff Bezos‘ Plan: Amazon weiß, was der Kunde braucht, bevor der Kunde es selbst weiß!
Damit die perfekte Manipulation funktioniert, sammelt Bezos Daten. Schon mit 18 Jahren wusste der Gründer des Online-Handelsriesen, dass Daten Macht bedeuten. Heute besitzt er nicht nur die Daten seiner weltweiten Kundschaft, sondern die aller Global Players. Amazon-Cloud ist der größte Datenspeicher der Welt. Auch die CIA und andere Geheimdienste legen dort ihre gesamten Informationen ab. Amazon weiß, was die Menschen kaufen, was sie weiterempfehlen, wer ihre Freunde sind, was ihre geheimsten Vorlieben sind: Über Alexa geben sie preis, was sie hören, über Prime Video, was sie sich angucken, über Kindle, was sie lesen, über das Spracherkennungssystem Echo, womit sie sich beschäftigen.
Dass Amazon-Mitarbeiter in einem perfekt funktionierenden Big-Brother-Universum rund um die Uhr bewacht, kontrolliert und bei kleinsten Vergehen abgestraft werden – wer zwei Mal zu spät kommt, wird für eine Woche gesperrt, ohne Lohnfortzahlung – ist die eine Sache. Dazu gehört das Lohndumping, das auf einem undurchschaubaren Netz von Unterfirmen aus dem osteuropäischen Raum gegründet ist.
Eine andere Sache ist Bezos‘ Philosophie, Daten niemals wegzuwerfen – wer weiß, wofür sie sich noch verwerten lassen. Damit ist er der reichste Mann der Welt geworden: Bezos‘ Vermögen beläuft sich auf 160 Mrd. Euro (entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung eines Landes wie Ungarn mit 10 Mio. Einwohnern), und es wächst pro Stunde um 12 Mio. Dollar an! Im Vergleich: Ein Amazon-Fahrer verdient 7,78 € in der Stunde.
Am 20. Juli reiste Jeff Bezos als erster Privatmensch ins Weltall. Nach seiner Landung dankte er seinen Mitarbeitern und seiner globalen Kundschaft, dass sie das Abenteuer möglich gemacht haben: „Denn Ihr habt das alles bezahlt!“
Bezos‘ ganz eigener Humor könnte einem ja schnurzegal sein. Was aber nicht egal ist: Mit jedem Kaufklick bei Amazon trägt man kraft eigener Entscheidung dazu bei, dass Amazons Zerstörungswerk weitergeht. Die Beteiligten sind wir, ist jeder einzelne Kunde, der sich damit entschuldigt, dass das Kaufsystem so schön einfach sei. Es gibt keine Entschuldigung, zumal fast jeder Laden inzwischen seine Ware auch online anbietet. Es sind wir, die den ausbeuterischen Amazon-Kapitalismus ermöglichen. Nur mit uns funktioniert er, nur mit unserer Verweigerung könnte er beendet werden.