Schuldig

Freitag. Alle sind mies drauf. Keiner haut mit der Faust auf den Tisch. Ich gehe raus und gönne mir eine Quatschrunde mit dem Hausmeister. Ist aber nur die halbe Lösung gegen aufsteigende Magenschmerzen. Drei Stunden (meiner Lebenszeit) Trommelfeuer aus Digitalisierungsvorschriften und deren Umsetzung, sprich Gleichschaltung aller Prozesse von 120 gläsernen „Individuen“. Transferiert in unprofessionell kleine Powerpointbilder und unprofessionelle Vorträge von Kleingeistern, deren Universum aus technischen Anleitungen besteht, die nichts Geileres kennen als anderen ihre ausgeklügelten Tastenklicks zu präsentieren, mit Powerpoint: das Coming Out von kleinen Mathematikkollegen. Weshalb auch so wahnsinnig viel hängen bleibt bei der kuhäugigen Masse, deren Teil ich bin, zu deren Teil ich gemacht werde.
Warum müssen wir das machen, fragt eine immerhin. Weil wir Beamte sind, sagt der Mathematikkollege. Dann bin ich raus, denke ich als Nichtbeamtin und spüre zum ersten Mal heute einen Hauch von Erleichterung. Ein anderer Vortrag von einem anderen Mathematikkollegen: Datenschutz. Sprich: Was alles verboten ist, was wir aber bestimmt alle aus Versehen machen: Mehrere Adressen in die Adresszeile setzen – verboten! Adressenlisten speichern – streng verboten! (Scheinverantwortung in einem Prozess, in dem wir uns alle schuldig machen). Ich komme wieder auf Briefe, ächzt hinter mir einer. Rotes Gesicht, glasige Augen, wahrscheinlich sehe ich genauso aus, es fühlt sich so an. Apropos Augen – jedes 5. Kind hat seit Corona sprich seit Fernunterricht am PC schlechtere Augen als vorher. Kollateralschaden, brauchen wir nicht drüber zu reden.
Apropos reden: In Konferenzen reden war einmal, hier redet nur einer. Die Sache durchstehen ist alles.