Entschleunigung

Sonntag. Aus dem Frühstück wird dann ein sechsstündiger Quasselmarathon. Meine zwei Mitbewohnerinnen, die ich Sediq und Lisa nenne, haben nicht nur Geschichten auf Lager, sie haben auch was zu sagen. Sie sprechen supergut Englisch, vor allem Lisa, und helfen mir auf sehr liebenswürdige Weise vokabelmäßig auf die Sprünge. Gegen Nachmittag überlegen wir, ob wir jetzt nahtlos zum Abendessen übergehen oder vielleicht doch noch was machen sollten. Wir entscheiden uns für Letzteres, haben auch wirklich keinen Hunger mehr und strecken die eingeschlafenen Glieder, bevor wir uns jede in ihr Zimmer verkrümelt. Ich schreibe mit einer Hand, was sehr langsam geht, und

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Vereinigte Proletarier aller Länder

… gibt es ja irgendwie nicht mehr, und Roboter werden kaum ein Klassenbewusstsein entwickeln. Heute spricht man lieber vom Prekariat. Oder neuerdings vom Algorithmenprekariat. Dazu zählen zum Beispiel Regaleeinräumer bei Aldi / Lidl / Ikea. Was das Algorithmenprekariat kennzeichnet, ist die nach Computerprogramm zugeteilte und gemessene Arbeitsleistung. Es ist der Mann im Ohr, der ihnen sagt: Gehe jetzt zu Palette fünf und trage in Ebene 3. Danach gehe zu Palette 1 … Ihr Chef ist kein Mensch, sondern ein Chef-Algorithmus. Er allein bestimmt über Tempo und Toilettenpause, und wenn er keine Pause vorsieht, wird eben in die Flasche gepinkelt. Da

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Und raus bist du

… ist das so wichtig, ob der Attentäter von Halle ein Einzeltäter ist oder irgendeiner rechtsradikalen Gruppierung angehört? Unsere Gesellschaft produziert Einzeltäter, weil sie sich immer weiter individualisiert. Nicht einmal mit der Kassiererin müssen wir demnächst noch ein überflüssiges Wort wechseln. Ausgerechnet IKEA („Lebst du noch oder wohnst du schon?“) plant in diese Richtung, dass der Kunde seine Waren selber einscannt und per online-banking zahlt. Unsere Gesellschaft besteht aus lauter Einzelwesen, die zunehmend weniger miteinander zu tun haben, zunehmend alleine vor sich hinleben und zunehmend alleine zurechtkommen müssen. Ohne jede soziale Kontrolle haben sie – wir – die besten Chancen,

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Die Tür zur Synagoge von Halle

Aus der Narkose erwacht und dank der Medikation fast keine Schmerzen an der frisch operierten Hand, lese ich erst am Abend im Smartphone von dem Zweifachmord in Halle. Wenn ich viele Quellen zusammennehme, ergibt sich für mich folgendes Bild:Ein Schwertbewaffneter in Kampfanzug und mit Stahlhelm versucht gegen Mittag, in die Synagoge einzudringen. Dort feiern gerade 70-80 jüdische Gemeindemitglieder Yom Kippur, was der Versöhnungstag, ähnlich unserem Buß- und Bettag, ist und der abschließende der zehn ehrfurchtsvollen Tage, mit denen das jüdische Jahr beginnt.Merkwürdigerweise steht die Synagoge von Halle nicht unter Polizeischutz. Ihre Tür hält aber auch so: Trotz selbstgebastelten Mollotow-Cocktails und

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Gestern, heute, morgen

Dienstag. Die Tübinger kommen mit ihren eigenen Erfahrungen um die Ecke, sodass ich gar nicht viel lesen musste. Das war eine intensive Veranstaltung in der Begegnungsstätte Hirsch. Überhaupt ist der Hirsch eine fabelhafte Institution, nicht nur für Ältere. Das Publikum überraschend gemischt. Ein sehr offenes Publikum, zwei Männer erzählten von Todesfällen in ihren Familien, es flossen Tränen und es wurde gelacht, besonders, als ich aus dem Kapitel von Axel Nacke und dem Würstchenbudenbetreiber vom Eintracht-Braunschweig-Stadion vorlas.Meine neue Mitbewohnerin ist eine echte Bereicherung. Sie ist Physikerin. Sie denkt mit, was sich an Kleinigkeiten bemerkbar macht, z.B. wie sie meine etwas komplizierte

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Freude im Herbst

Samstagmorgen. Mieterwechsel. Den Tag der deutschen Einheit habe ich genutzt, beide Gästezimmer samt Fenster und Balkon zu putzen, zusätzliches Bettzeug aus dem Keller zu holen und die Betten zu beziehen – diesmal kommen gleich zwei. Nachdem Dario wieder nach Venezuela abgezwitschert ist, ist meine Wahl auf eine Physikerin aus dem Iran gefallen – ich arbeite mich international durch. Bin sehr gespannt auf sie. Heute Nachmittag kommt sie an. Hoffe, dass es keine ideologischen Kollisionen gibt. Das andere Zimmer bekommt eine Pharmazie-Studentin aus Mainz, die am Montag direkt vom Bahnhof in die Uni rauscht und am Nachmittag mit ihrem Rucksack einigermaßen

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Einheitsjubiläum

Donnerstag. „Im Osten fand keine Entnazifizierung statt …“ – lese ich gerade in einem Social Media Post. Abgesehen davon, dass Entnazifizierung etwas anderes ist als die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, was hier wohl eigentlich gemeint ist, ließe sich zu der Behauptung so einiges anmerken.Einer meiner Vorfahren war Anwalt mit Spezialgebiet Entnazifizierung. Glaube bloß keiner, dass mit diesem Vorgang eine tiefergehende Gesinnungsprüfung einhergegangen sei! Wer den Persilschein bekam, war startklar für die Karriere in der BRD, aber der nationalsozialistische Virus war deshalb noch lange nicht ausgerottet – er saß tief und zudem gab es kaum einen, der damit nicht infiziert war. Dagegen hat

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