Dienstag. Es war einmal ein Prinz, der wusste ganz genau, dass er einmal ein Frosch gewesen war, aber alles, woran er sich erinnern konnte, waren Dunkelheit und Nässe. Er wusste auch, dass eine Prinzessin ihn geküsst und dass er daraufhin einen unvorstellbaren Schmerz empfunden hatte, und dann war er auf einmal ein anderer gewesen. Ein Prinz. An die Prinzessin konnte er sich kaum noch erinnern. Das Einzige, was die verschwommenen Bilder seiner Erinnerung hergaben, waren ihre roten Haare. Manchmal versuchte er, auf seiner samtbezogenen Chaiselongue über sie nachzudenken, denn es war ihm, als sei er durch ein unsichtbares Band mit
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Auf der Müllhalde
Montag. Ich helf dir doch gerne, sagt mein bester Freund. Wir haben meinen Keller ausgeräumt. Unter den Regalen haben wir gewaltige Wollmäuse hervorgekehrt und zusammen mit den Leichen der Kellerasseln im Staubsaugerbeutel beerdigt. Wir haben die Spreu vom Weizen getrennt. Was ausgedient hat, haben wir in das Auto meines besten Freundes gepackt. Wir sind auf die Müllhalde gefahren, haben zwölf Euro bezahlt und alles in zimmergroße Container geworfen: Holzbretter, kaputte Elektroteile, zerbrochene Blumenkübel, Bilderrahmen, Bettzeug, verbeulte Gießkannen, vergammelte Pflanzen, kistenweise Kleinscheiß. Im Glascontainer, hochoben auf einem Gebirge von Scherbenbruch, schwebte eine wunderschöne Schale vom Durchmesser eines Unterarms. Ich hob sie
WeiterlesenKalendersprüche
Montag. Boulangertime. Horst: Übrigens ist mir der dritte Witz wieder eingefallen. Erzähl!, sage ich und denke an Friedrich, der jetzt wohl gerne dabei wäre. Horst gibt seinen dritten Witz zum Besten. Leider ist er gar nicht lustig, und ich hab ihn schon vergessen. Guck mal, sagt Dorle und schiebt mir ein Sprüchekalenderblatt mit Datum von heute zu. Ich lese: „Persönlich glaube ich nicht, dass Literatur etwas soll. Kunst ist jene Lüge, die uns das Leben ertragen lässt.“ Rolf Vollmann Rolf, rufe ich, das ist ja von dir! Rolf lächelt. Ich starre auf die beiden Sätze. Besonders auf den zweiten.
WeiterlesenZwei im Bus
Samstag. Ey, dein Uhr da is voll dem Schrott, ey, voll scheiße, ey, kuckstu meins, ey, war rischtisch teuer, ey, is von Karschtadt, kannstu disch gar nisch leisten, ey, is deins voll schrottisch gegen, kuck dem Schwarz da, voll Plastik, voll schrottisch, ey, hier – das is rischtiges Uhr, ey, alles voll dem Edelschdahl, voll edel, ey … Was ey? Was willstu, ey. Edelschdahl, ey, fick disch, ey. Was fick disch, ey, was fick disch, isch fick dein Mudder, ey. Und isch fick dein Mudder und dein Vadder, ey. Isch fick dein Muder und dein Vadder und dein Schwester ein
WeiterlesenInspiration
Donnerstag. Manche Menschen sind ja so inspirierend! Die sehen einen bloß an mit ihrem verträumten Blick aus ihren verträumten Augen, und eine ganze Welt geht auf. (Und mein Herz dazu.) Andere sind: Die pure Immanenz. Schlafen, essen, arbeiten. Da geht gar nichts auf, und der Schritt wird einem schwer. Fragt sich nur, ob die verträumten Augen nicht die reinste Projektion sind. Weil ich doch so gerne mal wieder abheben möchte …
WeiterlesenHoffnung
Donnerstag. Ja klar, sagt der berühmte C.B. Ich bin sprachlos. Der berühmte C.B. sagt einfach ja klar. Er wird mit dem Fahrrad her kommen. Er ist mit allem einverstanden. Er wünscht sich was Gutes zum Essen, da muss ich mich aber mal so richtig anstrengen. Was Gutes zum Trinken wird er sicher auch zu schätzen wissen. Ich werde also C.B. interviewen, bei mir zu Hause, an meinem Esstisch. OmG! Das gibt mir Hoffnung, dass es mit meinem Projekt aufwärts geht.
WeiterlesenKlemens findet …
Dienstag. Klemens findet, dass ich ein Rückführungsseminar machen soll. Lilli findet, dass wir schon lange nicht mehr joggen waren. Olli findet, dass ich mal wieder meine berühmte Bowle machen könnte. Wolfgang findet, dass ich einen Scanner brauche. Heidi findet, dass wir uns morgen treffen sollen. Julia findet, dass wir uns die Arbeit teilen können. Susanne findet, dass ich mich mit Knäckebrot zufrieden gebe, statt Vollkornbrot zu verlangen. Johannes findet, dass ich Flashplayer neu installieren muss. Claudia findet es Scheiße, dass ich die Kehrwoche vergessen habe. Helmut findet meine Augen schön.
WeiterlesenZimmer zu vermieten
Donnerstag. Hallo, ach, das hier? Ist das das Zimmer? Schön, darf ich mal raus, auf den Balkon? Is ja nich gerade das Paradies der Ruhe, klar, Hauptverkehrsader, und diese Verbrennungsmotoren, das ist die Geißel der Menschheit, die Verbrennungsmotoren, gucken Sie sich das doch mal an, menschenfeindlich ist das mit der Straße, darüber schreibe ich, nee, nich in der Zeitung, schon eher für mich so, ich schreib Hasspamphlete, über Verbrennungsmotoren zum Beispiel, über Kernkraftwerke, das ist auch so ein Thema, also eigentlich suche ich schon mein ganzes Leben nach einem ruhigen Zimmer, dahinten bin ich übrigens aufgewachsen, da in der Siedlung
WeiterlesenRadiointerview
Mittwoch. „P.S: Wenn ich Dich einlade, dann, weil Du toll gesprochen hast!!!“ Schreibt Heinz Koch mir auf facebook, nachdem er mich für das Kulturradio auf Radio Free FM interviewt hat. Das freut mich sehr, dass er meine Stimme mag und mich zur Lesung einlädt, und überhaupt bin ich einfach glücklich, dass es solche Menschen wie Heinz Koch gibt.
WeiterlesenNachts telefonieren
Sonntag. Hallo Juliane! Wahnsinn! Bleib bitte dran. Ich komme gerade aus Berlin zurück. Ich bin sozusagen nackt. Einen Moment, ich ziehe mir was über. Es raschelt, dann ist Friedrich wieder da: Fabelhaft, oder wie du sagen würdest, farrrbelhaft war es! Meine vierundneunzigjährige Mutter ist in Brandenburg, genauer: in Müllrose, in einen Kahn gestiegen, hat abgelegt, ist rückwärts gerudert, dann vorwärts, und los ging’s. Mit vierundneunzig! Ich hab mir diese Gene ja leider kaputt gesoffen. Jaja, jetzt sagst du wieder, ich soll nicht alles pathologisieren. So, jetzt habe ich auch ein Hemd an. Was sagst du zur Wahl? Das ist doch
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