Bilder im Kopf

Sonntag, Stoßdorf. PM war mit Theo im Raum, als das Haus seltsame Geräusche machte und knirschte und knackte und dann mit einem gewaltigen Schlag die Scheibe zerplatzte und die Wassermassen hereinstürzten.
Er kann nicht darüber reden. Die Bilder verfolgen ihn, hindern ihn am Einschlafen. Bilder, die das Leben verändern. Die einen vielleicht ein Leben lang begleiten. Ungefähr wie in The Day after Tomorrow – nur in echt!
Ich kann nicht glauben, dass ich dabei war, sagt PM. Zwei Nächte hat er in dem abgesoffenen Haus verbracht, ja auch die zweite. Der Rettungsdienst hatte sich zwar angekündigt, war dann aber nicht gekommen, und die Klinik war wg. der eingestürzten Brücken nicht erreichbar gewesen.
Er steht noch unter Schock, er funktioniert irgendwie und will möglichst bald wieder arbeiten. Nach dem Frühstück ziehen wir los, same procedure as yesterday, nur noch schlimmer. Mehr Helfer sind unterwegs, noch mehr Schlamm auf den Straßen, noch mehr Feuerwehren, Militärfahrzeuge, Räumkommandos. Ich rutsche auf dem Matsch und kann mich gerade noch halten, als hinter mir einer sagt: Nicht fallen, das könnte gut aussehen!
Hallo? Komplimente in der Apokalypse? Noch dazu ziemlich sexistische? Ist das erlaubt? Darf ich das überhaupt hören? Spricht es nicht total gegen mich, dass ich da hinhöre? (Andererseits fasziniert es mich, wie selbst in dieser Extremsituation das ganz normale Leben sich Bahn bricht, obwohl alle Anzeichen dagegen sprechen. Deshalb gehört es auch hierher). Scham angesichts dieser Nebensächlichkeit, überhaupt viel Scham die ganze Zeit, weil ich mein sicheres Zuhause habe und PM nicht mehr. Morgen gehst du in dein Paradies zurück, sagt er einmal, und ich schäme mich schon wieder und bin auch ein bisschen wütend.
Wir schaufeln weiter. M. kommt mit zehn Mann vorbei und will am liebsten sofort das ganze Obergeschoss räumen. Ich bekomme Panik, erwähne die Standuhr, M. ist genervt, hat PMs Haus gedanklich schon abgeschrieben. Er weist auf das Problem mit der Statik hin, wir streiten, ich will mich nicht rechtfertigen, habe meine Reihenfolge schon festgelegt, sie scheint mir vernünftig. Sie ziehen wieder ab, halten mich wahrscheinlich für bekloppt. M’s komplette Gewerbefläche steht unter Wasser, er ist selbst am Limit, er sollte in der Situation nicht anderen helfen.
Unentwegt kommen Trupps von jungen Leuten aus den umliegenden, nicht betroffenen Ortschaften vorbei, stapfen durch Straßen und Gärten und fragen, ob jemand Hilfe braucht. Sie haben Motorsägen, Pumpen, Schaufeln dabei und stellen ihre Geräte und sich selbst zur Verfügung. Wenn auch alles futsch ist – der Glaube an die Menschheit bleibt dank solcher Erfahrungen erhalten.
Endlich kommen welche, die unseren Keller abpumpen können. Man sagt, Sie sind der beliebteste Arzt der Stadt, sagen sie zu PM, und er lächelt, ich glaube, zum ersten Mal an diesem Tag.
Sie legen los, und ich lege los, im Kellerwasser die geretteten Dinge zu „reinigen“, wie ich es gestern beobachtet habe: Blumentöpfe, Gläser, Kochgeschirr … Glas scheint ein sehr stabiles Material zu sein. Wir haben komplette Weingläser aus dem Schlamm gezogen, und sogar die drei gläsernen Bodenvasen sind unversehrt trotz oder wegen der kompakten Schlammbefüllung.
Dann Abbruch des Pumpvorgangs: Das Haus sei an einer Ecke unterspült, das Wasser im Keller könnte Stabilität geben und soll deshalb lieber drinbleiben. Einer der Helfer ist Experte. Wir können keine Fremden mehr ins Haus lassen, bevor ein Statiker nicht grünes Licht gibt – doch woher einen Statiker nehmen? Wäre ja eigentlich Sache der Vermieterin, aber die ist abgetaucht. Scheint sich nicht zu interessieren für die Ahrweiler Sintflut. Nachträglich beglückwünschen wir uns: Vor zwei Jahren hatten wir versucht, ihr das Haus abzukaufen … PM und ich gehen nach oben und packen ein paar Sachen zusammen. Wir sind jetzt auch verunsichert. Himmel, die Uhr, denke ich, sage aber nichts. Verdammt, sie ist mir wichtig, auch wenn alles andere dem Untergang geweiht ist.
Am Abend hat Anne Lachsfilet, frischen Spinat und Salzkartoffeln gemacht und dazu einen feinen Salat. Wir sind geschafft und können uns kaum noch auf den Beinen halten. PM erträgt die Bilder in den Nachrichten nicht.
Es sind die Bilder in seinem Kopf.

Straßen in Ahrweiler, Füße waschen, Sammelstelle zerstörter Autos