Freitag. Zwischen den Jahren diese Tage sind von einem rasenden Wechsel von großartigen und abgrundtief melancholischen Momenten gekennzeichnet. Jubeln und Abkotzen liegen direkt beieinander, der Umschwung passiert oft schneller, als du gucken kannst. Zum Glück überwiegen die großartigen Momente. Betrachte ich den heutigen Tag, komme ich zu dem Ergebnis, dass das vor allem an unserer komplizierten, aber eben auch inspirierenden, weil lernfähigen Patchworkfamily liegt. Zwei Ex-Ehemänner meinerseits, der eine familiär präsent, der andere nurmehr als Schatten, mein höchst präsenter Lebenspartner PM, Tanten, Schwägerinnen, Cousins, Nichten & Neffen sowie Großeltern im Viererpack machen die Sache dermaßen unüberschaubar, dass die Energie für
WeiterlesenKategorie: 2022
Kinder
Donnerstag. Wenn das Lchen und das Tchen sich hinsetzen und jeder eine Liste mit den schönsten Mädchennamen aufschreiben und diese sorgfältig zusammenrollen und auf dem ganzen Weg bis in die Klinik in den Fäusten halten und ihre Listen dann feierlich überreichen, nachdem sie das 16 Stunden junge Baby begrüßt und bewundert haben – dann ist das die schönste Begegnung, die man sich überhaupt vorstellen kann.
WeiterlesenAlle Jahre w…
Dienstag. Heiligabend nun doch nicht zu zweit, sondern mit T., der kurz mal reinschneite (Kind immer noch nicht da), und meinem lieben Nachbarn / Kollegen / Freund W., der auch schon die letzten Jahre mit uns zusammen gefeiert hat. Corona hat für die Umplanung gesorgt, uns war es recht, es wurde ein geselliger, ziemlich verfressener und versoffener Abend (Königspasteten, Rouladen mit Rotkraut und Thüringer Klößen, Orangenkuchen, dreifache Eierlikör-Geschenke, die unbedingt verglichen werden mussten, Sekt von der Saar und zum Finale Grappa und Limoncello aus dem letzten Urlaub). Besonders heilig war uns nicht zumute, dazu ist im Vorfeld zu viel passiert.
WeiterlesenTod Schuld Liebe
Samstag. Meine Mama ist tot. So schwer gelebt, so schwer gestorben. Gestern Mittag erst hatten wir beschlossen, heute, Heiligabend, zu ihr zu fahren und da zu übernachten (so ist PM). Der Plan war, uns in Eisenach zu treffen, und von dort weiter nach Werne. Das Hotelzimmer war schon reserviert, ich hatte eigentlich keine Sorge, zu spät zu kommen. Die Atmung sei noch normal, die Morphiumgabe noch nicht begonnen, hieß es, ich solle nichts überstürzen. Ehe ich das Ticket kaufen konnte, rief mein Bruder an und sagte es mir. Seit beinahe einem Jahr nur noch liegend, hat sie ihren Körper zerfallen
WeiterlesenWochenstart
Montag. Aufstehen, raus in die Schweinekälte, ein langer Tag im „Amt“ bis 18 Uhr – hoffentlich der letzte dieser Art. Drei Stunden* geschlafen, rumgegrübelt, ob das Geld bei dem ab Februar stark reduzierten Lehrauftrag reicht, auf was ich noch alles verzichten könnte, um mein Leben endlich, endlich (fast) nur noch dem Schreiben zu widmen. Wenn nicht jetzt, wann dann? *um vier Uhr in der Frühe kündigt sich eine Nachricht auf meinem Handy an: J.B. empört sich über die Ablehnung des Schutzes vor Mineralöl in unseren Lebensmitteln durch den Bundesrat. Aha. Wieso schreibt der jetzt? Spinnt der? Und ist der noch
WeiterlesenSymbiose
G. Steingarts Ansage im Pioneer Briefing vom 18.12.2022: Es gibt viele Methoden ein Land zu erschöpfen. Das symbiotische Zusammenspiel von Regierung und Medien ist eine der wirkungsvollsten. Nicht nur der Energiespeicher des Landes, auch der Vertrauensvorrat einer Gesellschaft kann sich erschöpfen. Wenn das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Medien erodiert – und damit meine ich nicht nur eine formale Unabhängigkeit, sondern auch die Lust und den Mut mit den Mächtigen ein Tänzchen zu wagen – dann entweicht die demokratische Energie einer Gesellschaft. Das oft marionettenhafte Sprechen von Spitzenpolitikern, das routinierte und vorsätzliche Missverstehen des Andersdenkenden, das Abriegeln des öffentlichen Raumes mit Tabuzonen
WeiterlesenSchnee und Stille
Samstag. Wenn die Welt und die Terrasse aussehen wie von Schlagsahne überzogen und der Horizont im Dunst abtaucht und der Rauch vertikal aus den Schornsteinen steigt und das stetige Rieseln vom Himmel die Gedankenaufruhr glättet wie eine leise Musik und PM noch schläft und seine langen Wimpern mich wieder einmal in Staunen versetzen und die Vorräte für die wichtigsten Tage im Jahr sich geordnet stapeln in Schrank und Kühltruhe und die Kerzenflamme im Küchenfenster den Tag mit einem gechillten Tanz angeht und die Autos unterm Balkon auf der anderen Seite so langsam fahren, als sei noch nicht entschieden, wohin die
WeiterlesenBot Talk
Hallo, ich bin Bo – Dein ServiceBot. Ich kann Dir Fragen rund um Deine Sendung beantworten. Am besten nennst Du mir zunächst die Sendungsnummer, um die es geht. 11:59 7334614…. Um wieviel Uhr kommt die Sendung an? 11:59 Unser Bote kommt heute zwischen 08:00 und 20:00 Uhr. Eine weitere zeitliche Eingrenzung ist nicht möglich. 11:59 So genau wollte ichs nicht wissen, hahahaha 12:00 Oops, das hab‘ ich nicht verstanden, bitte schreibe es nochmal anders. 12:00 Nö 12:00 Meine Kolleginnen und Kollegen im Kundenservice können Dir hierbei besser helfen.Hier geht’s zu unserem Kontaktformular: https://www.myhermes.de/service/kontakt/?wt_mc=ks_oc_1 Hermes Kontakt 12:00 Alles kloar 12:00
WeiterlesenRazzia
Mittwoch. Jetzt also auch die Klimaaktivisten: Gestern Großrazzia in bundesweit elf Wohnungen von Vertreter*innen der Letzten Generation. Hintergrund des Polizeieinsatzes ist nicht das Festkleben auf Autobahnen und Kartoffelbrei-Attacken auf Kunstwerke, womit sie in den vergangenen Wochen auf sich aufmerksam machten, sondern wiederholte Attacken auf Anlagen der Raffinerie PCK Schwedt. Dort hatten Aktivist*innen Zuleitungen und Schieber am Zulieferernetz für die Raffinerie abgedreht, sodass die Ölzufuhr teilweise unterbrochen wurde. Beschädigt wurde nichts. Die Klimaaktivisten stören, ohne zu zerstören. Was mehr kann man von Protestaktionen erwarten, die den Sinn haben, die Öffentlichkeit wachzurütteln in Hinblick auf die Fünf-nach-Zwölf-Konstellation unseres Planeten? Ein bisschen Schmerz
WeiterlesenGemüse gerettet
Sonntag. Wieso liegen die überhaupt noch im Kühlschrank? Wann habe ich die gekauft? Nur wegen dem leichten Gammelgeruch, der mich beim Öffnen des Kühlschranks umweht, werde ich auf die Möhren aufmerksam. Die sind vom Markt. Vor welcher Ewigkeit war ich auf dem Markt? Ich ziehe die Papiertüte aus dem Fach, da ist wohl nichts mehr zu machen, schütte den Inhalt ins Spülbecken und entdecke Potential. Der schnell herbeigezauberte Schäler versagt nur bei den ganz weichen Exemplaren, die mittelweichen spielen mit und lassen sich waschen, putzen, schneiden. Etwa zwei Drittel landet im Topf, das andere Drittel im Mülleimer. Ich habe das
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