Arbeitsmodus

Samstag. Ein ganzes Wochenende nur für mich. Fürs Schreiben. Endlich das in Leipzig aufgezeichnete Gespräch, ich habe Lust darauf. Draußen, vor dem Fenster, ist es weiß und still. Ewigkeitsgefühl. Die Nacht wird zum Tag, der Tag bleibt Tag. Schlaf und Rausch vertragen sich nicht. Ich halte die Tür geschlossen, wer klingelt oder anruft, hat Pech. Ich bin im Arbeitsmodus. Bitte Ruhe! Das wird ein guter Text, ich merke es schon.

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Framing vom Feinsten

Freitag. Kritik an der medial begleiteten und aufgeblasenen Großrazzia gegen vom Putsch fantasierende Reichsbürger*innen vor zwei Tagen wird mittlerweile als „rechts“ und „AfD-nah“ geframt. So geht das. Und die ARD spielt das Spiel mit. Konkret: Als kritikfähige, politisch interessierte Bundesbürgerin sehe ich mich damit einen Tag nach der Berichterstattung ganz direkt in die Nähe des rechten Lagers gestellt – weil ich eine Unternehmung der Regierung infrage stelle? Ohgottohgott, hat die Welt vergessen, wie kreativ-effektiv my generation auf den Putz gehauen hat, wenn uns was nicht ins Konzept passte bzw. nicht ganz koscher vorkam? Muss man für politischen Widerstand inzwischen ein gewisses

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Das Vierte Reich

Donnerstag. Das Geschäft mit den Waffen brummt. Für die Rüstungsfirmen ist der Ukraine-Krieg seit bald einem Jahr wie jeden Tag Weihnachten. Frieden schaffen mit noch mehr Waffen ist das Motto der ehemals  grünen Friedenspartei, und während die Gaspreise trotz oder gerade wegen Habecks Preisbremse für die Endverbraucher ins Bodenlose schießen, drehen irgendwelche Reichsbürger*innen um einen Reußenprinzen aus Frankfurt durch. Um ein Haar hätten sie den Reichstag gestürmt und den Tatterprinzen zum König oder Kaiser gekürt, wenn unsere tapfere GSG 9 den 72-Jährigen und seine Rentnerbrigade nicht gerade noch rechtzeitig gestoppt hätte. Stell dir vor: Du wachst auf, und die BRD

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Auf unsicheren Füßen

Samstag, Eisenach. Die verschneiten Häuserdächer von Eisenach, der urgemütliche, kitsch- und krawallfreie Weihnachtsmarkt mit dem weißen Riesenrad auf dem Marktplatz und den duftenden Buden versöhnen mich so ganz allmählich mit der zweiten, mit der neuen Heimat. In unserem bis auf den alten Bücherschrank unmöblierten Wohnzimmer bullert der Kamin, PM sitzt auf einem Klappstuhl davor und schält Rosenkohl, während ich an einem etwas schwierigen Interviewtext feile. PMs Arbeitszimmer ist fertig, die Küche und Bäder auch. Für das untere Bad haben wir heute einen lustigen, mintgrünen Spindschrank aus Metall ausgesucht. Wir nehmen uns viel Zeit. Nichts drängt uns in unser neues Leben.

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Viele Fragen, eine Antwort

Sonntag, 1. Advent. Stehen mehr als zwei Leute zusammen, geht es sofort los: ob du Fußball-WM guckst oder nicht? ob du als bekennender Nicht-Gucker moralisch besser dastehst als die Heimlich-Gucker? ob Selenski zuerst Klitschko kaltstellt oder die Krim zurückerobert? ob DFB-Kapitän Neuer feige ist, weil er die von der FIFA untersagte One-Love-Binde nicht trotzdem trägt? ob Innenministerin Nancy Faeser eine Heldin ist, weil ihren Arm die vieldiskutierte Binde ziert, während sie beim Deutschland-Japan-Spiel neben FIFA-Präsident Infantino sitzt? ob die Pandemie jetzt endgültig vorbei ist? ob die Maskenpflicht jetzt auch für den ÖPV kippt, und ob die Infektionszahlen dann wieder ansteigen?

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Win win

Samstag. Alle drei mal 24 Päckchen fertig. Bei PM ist es am einfachsten – in der Flut alles verloren, braucht er alles neu und ich kann sozusagen wieder von vorne anfangen. T. und E. freuen sich jedes Jahr wie die Kinder. Meine ziemlich großen Kinder … während meine liebe L. keinen Schnickschnack mag. Sie freut sich über Praktisches – hoffe ich. Die Freude des ganzjährigen Sammelns und des Verpackens liegt bei mir, und wenn sich alle freuen, ist das ja direkt so ein prima Win-Win-Ding.

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WLAN

Freitag. Klappe den Laptop auf. Bin bester Laune. Das Material passt perfekt zu meinen Unterrichtszielen, dafür habe ich mir gestern Abend extra mal so richtig Zeit genommen. Die Links sind gespeichert, nichts kann schiefgehen: Ein Spielfilm mit ukrainischen Untertiteln, die ins Ukrainische übersetzte Zusammenfassung und als Abschluss ein Fragebogen zum Film in sehr einfacher deutscher Sprache. Ich freue mich auf eine ergiebige Stunde, irgendwie klappt das Einloggen nicht, ich versuche es nochmal: Kein WLAN! Kein WLAN? Und jetzt? Ich flitze vom vierten in den zwei Stock zur „Amts“-Leitung: Schulterzucken, bedauernder Blick, schuldbewusstes Antippen der Tastatur vor schwarzem Bildschirm. Mach was

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Schöne Begegnungen

Samstag. Eine Stimmung wie warmer Schokoladenkuchen – trotz des schwierigen Themas. So war das bei meiner Lesung  aus Lass uns über den Tod reden gestern Abend im Frankfurter Salon, und das lag an den tollen Leuten, die gekommen waren. Einer sprach es aus: „Ich fühle mich in der Runde hier richtig wohl.“ „Danke“, konnte ich bestätigen, „mir geht es genauso, ich fühle mich auch wohl mit Euch.“ Über den Tod reden – das funktioniert nur in einer Atmosphäre, in der man sich gegenseitig zuhört und Anteil nimmt. Immer kommen auch Menschen zur Lesung, die erst kürzlich jemanden verloren haben und

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