Dienstag. Es gibt kein Thema außerhalb von Corona. Das Virus drängt sich fies in den Vordergrund, jeder Versuch es auszutricksen scheitert kläglich. Genauso geht es mir mit den ohne Frage ehrenwerten Optimismusversuchen einiger Leader aus Politik, Geisteswissenschaft und Kunst. Sie überzeugen mich nicht, auch wenn ich es gerne hätte.
Allen voran Matthias Horx in seiner Future-Mind Kolumne. In der postcoronalen Zukunft scheint er die Auferstehung und die nach christlicher Tradition damit einhergehende Wandlung einer verdorbenen Kapitalismusgesellschaft in eine Gemeinschaft von geläuterten Seelen aufleuchten zu sehen:
„Die Welt as we know löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. … Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil.“ Viele, so Horx, fühlten Erleichterung darüber, „dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam.“ Verzicht müsse nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern könne sogar neue Möglichkeitsräume öffnen. Horx vergleicht diesen Prozess mit Intervallfasten, wenn man sich plötzlich umso mehr aufs Essen freut.
Nur hinkt dieser Vergleich. Intervallfasten geschieht freiwillig, man könnte jederzeit damit aufhören. Das können wir aber momentan nicht, wir sind zur Isolation, zum Shutdown gezwungen.
Vor allem aber hängt das Damoklesschwert des Coronatodes über uns allen. Ist man selbst auch noch so gesund oder hält sich dafür, sind doch die täglichen Zahlen von Neuinfizierten und Verstorbenen in jedem Fall bedrückend. Irgendwann trifft es vielleicht jemanden, den man kennt, oder gar einen selbst. Das ist eine Option, die sich nicht so leicht beiseite schieben lässt und die unser Denken und Fühlen maßgeblich beeinträchtigt.
Horx erwartet auch mehr Höflichkeit von der nachcoronalen Gesellschaft. Warum das? Ich halte diesen Aspekt für vollkommen spekulativ. Auch seine Hoffnung auf Ausweitung digitaler Kompetenzen und höherer Akzeptanz von Homeoffice teile ich überhaupt nicht. Weder nach meiner Erfahrung noch nach dem, was ich von anderen Betroffenen mitbekomme, erscheint sie mir berechtigt. Weshalb sollte ich Homeoffice akzeptieren? Es ist die einsamste Form des Arbeitens! Alles in mir sträubt sich dagegen. Nein, ich möchte mich da zu keiner Akzeptanz gezwungen sehen.
Absurd wird Horx‘ Weitseherei, wenn er schon im Sommer ein Medikament zur Erhöhung der Lebenschancen von Infizierten erwartet. Wer wollte schon der erste User sein für ein unter enormem Zeit- und Erwartungsdruck entstandenes Medikament, das womöglich die üblichen langwierigen Testverfahren umgeht? Ich wäre da nicht so scharf drauf, es sei denn, ich bin gesundheitlich so am Ende, dass mir alles egal ist.
Doch natürlich lassen seine Gedanken auch mich nicht kalt, erwächst auch in mir eine echte, ganz kindliche Hoffnung. Allenthalben erleben wir gerade Verhältnisse, die man sich in einem hochentwickelten Industriestaat wie Deutschland niemals hätte vorstellen können. Mangel! Es herrscht Mangel an Klopapier, an Desinfektionsmitteln, an Medikamenten, an Schutzkleidung. Das medizinische Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen kann sich nicht schützen, weil Schutzkleidung und Masken komplett vom Markt gefegt sind. Die Produktion findet in China statt, jedoch sind die Handelswege unterbrochen. Mit der Pandemie fällt uns die Globalisierung auf die Füße. In ganz NRW zum Beispiel gibt es nur eine einzige Firma, die medizinisches Vlies herstellen kann. Die weltweite „Just-in-Time-Produktion mit ihren riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt“, diagnostiziert Horx. Der Publizist sieht schon überall im Land Werkstätten und Service-Einrichtungen aus dem lokalen Boden sprießen. „Das Handwerk erlebt eine Renaissance“, jubelt er eine geradezu mittelalterliche Welt herbei, und in dieser neuen Welt spielen Besitz und Vermögen plötzlich keine Rolle mehr: „Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.“
Eine hübsche Vision. Zwar ließe sich einwenden: Wer hat denn einen Gemüsegarten? Redet Horx von sich selbst? Und nicht von der vierköpfigen Durchschnittsfamlie, die sich in einer Dreizimmerwohnung im Zentrum von Köln gegenseitig auf die Nerven geht?
Trotzdem hoffe ich in einem geheimen Winkel meines Herzens, dass er Recht behält. Dass der „Rausch des Positiven“, den er – nach einer kurzen Phase der Angst und Verzweiflung – überall wahrnimmt, nicht komplett an mir vorbei rauscht. Das bleibende Narrativ, das die Krise hinterlasse, seien die musizierenden Italiener auf den Balkonen und die plötzlich vom Smog befreiten Industriegebiete Chinas. Uneingeschänktes Ja! Das sind die Bilder, die auch bei mir haften bleiben. Doch haben sie die Power, eine globale gesellschaftliche Wende anzuschieben?
Horx‘ Botschaft: „Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“ Doch wer sagt mir, dass sie nicht in genau dieselbe Richtung weiterrast, sobald der Laden wieder läuft, sobald das Geschäft wieder brummt?
Mein persönliches Narrativ: Wenn das L.chen und das T.chen mir Lieder durchs Telefon singen. Dann geht mein Herz auf und Corona kann mich kreuzweise. Ich weiß, sie singen, weil wir uns nicht sehen dürfen, also doch wieder wegen Corona. Und trotzdem bin ich glücklich. Ich schaue mir ein ausgeschnittenes Herz an, darauf steht in ungelenken Großbuchstaben: Ich komme bald.
Ja, bald, das wäre schön.