Corona Diary / Input

Sonntag. Die Agonie durchbrochen: Berliner Agentin wg. neuem Buchprojekt kontaktiert. Schlimme Nachrichten ihrerseits: Buchmarkt unter Coronakrise zusammengebrochen. Alle Neuerscheinungen vom Frühjahr auf den Herbst verlegt – wenn überhaupt … Amazon plane, sich aus dem Buchgeschäft zurückzuziehen, and so on and so on.
An meinem Projekt ist sie trotzdem interessiert, ich müsse allerdings vorab liefern. Also nicht bloß klangvolle Namen von potentiellen Interviewpartnern vorlegen, sondern Zusagen sowie ein aussagekräftiges Kapitel. Okay, ich lege los. Ganz bestimmt lege ich bald los …

Mittags mit Mecki ins Grüne geradelt. In den letzten Tagen haben wir uns öfter zum Spazierengehen und Quatschen getroffen. Wenn wir im „Amt“ nebeneinander hocken an dem viel zu kleinen Tisch, den wir uns mit sechs weiteren Leuten teilen müssen, reden wir kaum miteinander, doch jetzt umgibt uns die milde Ruhe eines sonnigen Frühlingstages, und wer erinnert sich noch an das „Amt“?

Mecki hat eine Blumenzange dabei und zwackt ab und zu Zweige für den Osterstrauß ab.
Draußen sieht man keine Menschen. Man ist direkt überrascht, wenn einer plötzlich leibhaftig vor einem steht, ein anderer Spaziergänger oder ein Nachbar oder so. Dann guckt man sich an, überprüft schnell den Abstand, und nicht selten zieht der andere sich seinen Schal oder Pullover vor den Mund, als sei man aussätzig.

In England steigt die Zahl der Toten und Infizierten stärker als in anderen Ländern. Die Politik hat zu spät reagiert. Ursprünglich war der Plan, die ganze Gesellschaft durchseuchen zu lassen und dadurch eine Herdenimmunität aufzubauen. Ein paar würde es halt erwischen, so what. Jetzt hat London auf den internationalen Druck reagiert und das Rad herumgerissen, außerdem hat sich Boris Johnson selbst infiziert. Seit heute Abend liegt er im Krankenhaus.

Viel fürs „Amt“ gearbeitet. Statt der sonst üblichen Form des Austausches im Gespräch nun alles schriftlich, in kleinen Häppchen und per E-Mail. Der Trafikant. Das barocke Gedicht. Rico, Oskar und die Tieferschatten … Sie wollen auch über die Ferien weiterarbeiten, weiter mit Stoff beliefert werden, schreiben sie auf meine Nachfrage, das berührt mich sehr. Niemand findet die unfreiwilligen Ferien toll. Gestern haben die echten begonnen und es fühlt sich auch nicht anders an. Noch nie waren Schulferien so unwillkommen …

Ohne Input kein Output. In Sachen Inspiration ist bei mir gerade nicht viel zu holen. Die Fernsehsender ziehen alle Register, um uns zu entertainen. Zum Beispiel mit Liveshows ohne Publikum. Oder mit neuen Formaten wie Baywatch Berlin, dem Podcast mit Bild – man schaut Klaas Heufer-Umlauf beim Quatschen mit zwei weiteren rhetorisch ausgebufften Typen zu und findet das wunderbar für die Nerven.

Die Polizei hat nichts mehr zu tun. Die Einbrecher wissen, dass alle zuhause sind und bleiben selbst zuhause. Statt Outlaws zu jagen, fahren die Polizisten jetzt durch die Gegend und lösen Versammlungen auf, wo es noch welche gibt. In Tübingen gibts keine. Schulen, Sportanlagen, sogar Parks sind mit roten Bändern wie Baustellen abgesperrt, alle halten sich daran. Außer mit Mecki und mit PM am Telefon heute mit niemandem geredet. Man erzählt sich, dass manche Leute anfangen, mit ihren Blumen zu sprechen. Oder mit ihrer Handtasche.