Corona Diary / Die Ruhe vor dem Sturm

Freitag. Mit Dorle zum Spazierengehen verabredet. Wir genießen die Sonne, die blühenden Bäume längs der Steinlach, quatschen über Gott und die Welt. Dorle achtet auf den von maßgeblichen Virologen empfohlenen Mindestabstand von 1,50 m. Wenigstens hat sie den Zollstock nicht mitgenommen, wie ursprünglich angedroht. Sie bereitet sich innerlich auf ihren Umzug nach Berlin vor. Schon wieder ein Abschied, ich hasse das.
PM schreibt: Alles ist völlig entschleunigt. Momentan jedenfalls. Ist irgendwie irre.
Die Stimmung in seiner Klinik: Wie die Ruhe vor dem Sturm. Das hört man jetzt allenthalben. Vor lauter Warten hält die Welt den Atem an. Hoffentlich bleibt der Sturm bei uns aus. Die hohe Sterberate in Italien führt PM schlichtweg auf falsche Testdaten zurück. Wenn Italien mehr Tote als ganz China zu betrauern hat, was mittlerweile der Fall ist, dann seien zuvor viel zu wenig vom Corona-Virus Betroffene ermittelt worden. Unerkannt und unbehandelt, habe sich die Krankheit bei den Betroffenen zum Schlimmsten entwickeln können.
Nachdem Dorle und ich uns bei der Brücke vor der Unterführung verabschiedet haben, treffe ich Ch..
Wenn man versehentlich bei Ch. stehenbleibt, kommt man unter einer Stunde nicht mehr weg. No chance, sie überholt mich von hinten, steigt vom Rad und haut mich mit einem solchem „Hallo!“ an, dass einfach Weiterlaufen nicht drin ist. Danach fühlt man sich immer schlecht. Das weiß ich aus Erfahrung so sicher wie das Amen in der Kirche. Auf ermunternde, wohltuende Worte hoffst du bei Ch. vergebens. Am liebsten überhäuft sie einen mit intimen Informationen aus ihrer fernen und unmittelbaren, auf jeden Fall absolut beschissenen Vergangenheit. Und Gegenwart. In Ch.’s Welt sind alle Menschen stupide, hirnlose, vom Fortpflanzungstrieb gesteuerte Idioten, Männer ausnahmslos Arschlöcher (oder Wichser oder Ficker …). Wie üblich folgen drastische sexuelle Details dicht an der Ekelgrenze oder drüber. Aufsteigender Ärger über mich selbst: Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?
Während ich mir das Hirn zermartere, stellt Ch. bohrende Fragen: „Seid ihr noch zusammen?“ „Wie sieht es damit denn bei euch aus?“, um kopfnickend schnelle Resumees zu ziehen: „Das ist bei meinem Fuzzi ganz genauso.“
Hm, ich hoffe, da ist gar nichts genauso, enthalte mich aber jeglichen Kommentars, denn plötzlich ergibt sich eine minikleine Redepause, die ich, zack!, zum Gehen nutze. Vergebens. „Ich begleite dich noch“, meint Ch. und schiebt ihr Rad zwischen uns her. Mist, bisher hat sie nicht gewusst, wo ich wohne. Dass sie bloß nicht auf dumme Gedanken kommt! Es folgen weitere unschöne Details über ihren Fuzzi, der genauso ein Griff ins Klo ist wie alle anderen davor und danach auch.
„Ach, hier ist deine Wohnung? Du Ärmste! Sicher total laut. Und so dicht bebaut! Wie hältst du das denn aus?“ Ich schaffe es gerade noch, mich auf „Nee, nee, alles gut“ zu beschränken. Zum Abschied, der tatsächlich irgendwann stattfindet, lobt sie mein Parfum: „Gar nicht so schlecht, was ist das?“, sie wedelt mit der Hand in der Luft.
„Ich nehme Organza!“, ruft sie mir nach. „Weil ich mir den Namen gut merken kann, verstehste?“ Kurzer Check-up, ob ich mitkomme. „Organza – Orgasmus!“ Sie lacht fies, wie passt das eigentlich zu ihrem Lieblingsthema? Klar hält sie mich für genauso beschränkt wie alle anderen Fuzzis dieser Welt, und das erscheint mir auf einmal wie ein einziges Kompliment.
„Ja ja.“ Haustür auf, Haustür zu. Und tschüss. Corona hab ich jetzt direkt vergessen.