Corona-Diary / Eine Prise SF

Sonntag. Ich werde immer passiver. Ich ziehe mich ganz auf mich selbst zurück. Ich vermisse nichts. Wenn ich daran denke, was ich noch vor einer Woche an einem einzigen Vormittag weggeschafft habe, wird mir schwindelig. War ich da verrückt, oder werde ich es gerade?
Erwartet unsere „normale“, vor-coronale Leistungsgesellschaft diesen Grad an Verrücktheit? An Selbstausbeutung? An Bewusstlosigkeit?
Wird unser als normal empfundenes Hamster-im-Rad-Leben durch den Corona-Virus gerade aus den Angeln gehoben? Manche Philosophen träumen von einem gesellschaftlichen Neuanfang „danach“, gar von einem Aufbruch in eine neue globale Wirtschaftsordnung …
Wie jede Woche habe ich meine Wohnung geputzt. Das hat diesmal unglaublich lange gedauert. Nichts drängt mich, es ist egal, ob ich dafür vier, sechs oder zwanzig Stunden brauche. Nebenher Kleiderschränke und Küchenregale ausgemistet. Überflüssige Kleider bei Kleiderkreisel eingestellt. Schon nach wenigen Stunden ein nagelneues T-Shirt, noch mit Etikett, verkauft. Und eine zu große Jeans. Check-up meines Klamottenbestandes: Wie schön manche Teile sind, hab gerade das Gefühl, viele davon noch nie oder viel zu selten getragen, d.h. gewürdigt zu haben und auf Jahre hinaus nichts Neues mehr zu brauchen. Ist doch alles da.
Dasselbe beim Geschirr. Einiges Überflüssige vor die Haustür gestellt – war sofort weg, worüber ich mich gefreut habe.
Dasselbe bei Büchern. Hier nichts aussortiert. Sondern zu lesen angefangen. Michail Bulgakow: Die verhängnisvollen Eier, Luchterhand. Wahnsinnsbuch, wild und modern! Bei Osiander gleich mal die Teufeliaden geordert, den Sammelband, der auch Hundeherz enthält. Freue mich drauf. Mit einer Prise SF gewürzt, einem Spritzer Bosheit und zwei Esslöffeln Visionäres scheinen mir die Werke von Bulgakow gerade genau die richtige Lektüre mit ausreichend Potential zur Tiefenanalyse in analytischen Zeiten.