Corona Diary / Metaphysischer Denkzettel

Dienstag. „So eine rasende Entschleunigung ist ganz und gar einzigartig“, schätzt der Jenaer Soziologen Hartmut Rosa das Herunterfahren weiter Teile des gesellschaftlichen Lebens durch die Corona-Pandemie ein. „Historisch ohne Vergleich“, biete „die Super-Verlangsamung des Lebens“ aber auch Möglichkeiten, „noch einmal anders mit sich, anderen und der Welt in Kontakt zu treten“, betont Rosa im dpa-Interview.
Allenthalben liest man jetzt diese mehr oder minder matten Versuche, den Drive aus der Depression ins Positive zu bewerkstelligen. Dahinter steckt das menschliche Bedürfnis, der Krise irgendeine übergeordnete Sinnhaftigkeit zuzusprechen: Das Virus als Strafe, als Impuls zum Umdenken …. Schöne Beispiele sind Einkaufs- und Versorgungshilfen unter Nachbarn oder das Musizieren auf Balkonen, um der Isolation Herr zu werden. Oder um auf den metaphysischen Denkzettel zu reagieren und ihm Paroli zu bieten: Wir können auch ganz anders. Wir sind ganz anders. Wenn wir nur die Gelegenheit dazu haben.
Auch ich erlebe das. T. geht nach wie vor für mich einkaufen und regt sich über jedes unbedachte Wort in Richtung Sorglosigkeit meinerseits maßlos auf. Das ist ohne Frage eine schöne und bereichernde Erfahrung, weil es aus Sorge um mich geschieht. Ich weiß, auf wen ich mich verlassen kann.
Trotzdem – bei mir führt die virusbedingte Entschleunigung eher zu Lethargie. Ein schrecklicher Zustand. Ich könnte so viel machen und nehme es mir auch jeden Morgen vor, aber irgendwie funktioniert es nicht, mailt I. Vonderschmitt*, und so geht es mir auch. Wie unter Zwang erledige ich die Aufgaben fürs „Amt“ – Umarbeiten des unterrichtsrelevanten Stoffs in elektronische Praktikabilität – und schicke diese anschließend ins digitale Nirgendwo, in der Hoffnung, dass die Adressat*innen sich mit freudiger Schaffenskraft darüberhermachen.
Wenn dieser Teil des Tages erledigt ist, warte ich vergebens auf Inspiration. Und merke: Dafür braucht es mehr als nur Zeit. Vielleicht ist Zeit sogar der allerunwichtigste Faktor, um unseren Geist in kreative Schwingungen zu versetzen. Stress scheint viel eher dazu geeignet – was für eine ungesunde Einstellung!
Ich gammle also stressfrei vor mich hin. Ich telefoniere (mit Mutter, Tochter, Freundin, Kollegin, mal weniger, mal mehr aufbauend), lese e-Zeitungen, sehe fern, schreibe Mails und bringe meinen Haushalt auf Vordermann. Was er ohnehin immer ist: Äußerliche Ordnung als lebensnotwendiger Background für den Arbeits- und Kreativmodus. Morgens liege ich lange rum und gehe meinen Gedanken nach. Abends schlafe ich schnell ein – nachdem sich Traum und Wirklichkeit vor der Glotze zu einem unentwirrbaren Bilderbrei vermengt haben. Das herrliche Wetter ist nur Staffage. Es erreicht mein Herz nicht. Überhaupt erreicht mein Herz gerade gar nichts. Warum? Worüber beschwere ich mich? Ich könnte doch jetzt so viel …
Coronabedingte Freistellung ist eben kein Urlaub! Keine wohlverdiente Freizeit, die mich für meine Arbeit entschädigt. Als unverdientes und unwillkommenes Geschenk sind diese strukturlosen Tage – OMG!, habe ich das gerade wirklich gesagt? – auch von Angst durchtränkt. Die lähmt, statt zu elektrisieren. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mich überhaupt nicht einsam fühle. Ich habe nichts weiterzugeben, und ich bin auch nicht auf Empfang gestellt. Eingeschlossen in meiner Wohnung und in mir selbst: Winterschlaf. Igelmäßig eingerollt. Keine Freude, keine Trauer, auch mein Gefühlshaushalt ist runterfahren, in dumpfem Abwarten verharrend, zu nichts anderem fähig.
Die Zeit anzuhalten – wünscht man sich das nicht gerade in besonders herausgehobenen Augenblicken? Jetzt hält die Zeit an, und es ist gar nicht erhebend.
Die bleierne Zeit …

*letzte Mitarbeiterin meines Großonkels Wolfgang Kaskeline. Off topic: Über ihn ist gerade ein Buch erschienen.