Corona Diary / Einfache Lösungen

Donnerstag, B.N. Man lernt jeden Tag dazu. Ich auch. Hieß es anfangs, die Schutzmasken bringen nichts, ist inzwischen nachgewiesen, dass das Tragen von Masken das Infektionsrisiko deutlich minimiert. Hieß es anfangs, bei jungen, gesunden Leuten nehme die Viruserkrankung einen leichten Verlauf bis zur Symptomlosigkeit, sehen wir jetzt Bilder von schwerstkranken jungen Patienten ohne Vorerkrankung auf den Intensivstationen dahinsiechen. Das macht betroffen. Das Virus schlägt Haken, es treibt Virologen zur Weißglut, es verschlägt profilierungssüchtige Länderchefs auf unverantwortliche Individualwege, es ist nicht so, wie wir anfangs dachten. Das Wissen muss täglich neu justiert werden. Damit haben wir ein Problem, Menschen bevorzugen einfache, verlässliche Lösungen. Dass ein Virologe wie Christian Drosten laut nachdenkt und die Unzuverlässigkeit des Coronavirus an die Öffentlichkeit kommuniziert, weil er ein differenziert denkender Wissenschaftler und keine populistische Flachzange ist, macht ihn angreifbar. Täglich erreichen ihn Morddrohungen und der geballte Hass einer Menge, die es gern simpler hätte.
Die USA zahlen den höchsten Preis in der Corona-Pandemie. Laut Statistik sind mehr als 80.000 Amerikaner*innen an den Folgen der Infektion gestorben, weltweit ist jeder dritte Coronatote Amerikaner. 30 Millionen Menschen sind arbeitslos, jedes fünfte Kind unter zwölf Jahren bekommt einer Erhebung der „Brookings Institution” zufolge seit Beginn der Coronakrise nicht genügend zu essen. Während Trump sich öffentlich kaum mit Maske zeigt und statt dessen lieber schwadroniert, er habe die Lage im Griff, haben US-Stars 115 Millionen Dollar für Bedürftige gesammelt, um die allergrößte Not zu dämmen.
Die Leute scharren mit den Füßen, ich gebe zu, ich auch mitunter. Ich habe es so satt: Den Fernunterricht, das menschenlose Stadtbild, die mangelnde face-to-face-Kommunitation, die Vorsicht, die Angst. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits freue ich mich über die neuen Lockerungen. Dass die Kneipen unter Auflage wieder öffnen dürfen, dass ich zum Friseur gehen konnte, dass Hotels wieder Gäste empfangen, Ferien geplant werden können.
Mit einem Schlag hat sich auch das Stadtbild geändert. Leute stehen wieder beisammen – dichter, als sie dürfen, kaum die Hälfte trägt in der Öffentlichkeit Masken, man hört wieder Lachen und spürt Hoffnung.
Und dann die Bilder in den Nachrichten. Die Statistik, die keinen Anlass zur Beruhigung gibt. Im Gegenteil ist der Reprofaktor wieder auf 1,2 gestiegen. Die neue Lockerheit hat etwas Zwanghaftes. Die Ministerpräsidenten überbieten sich, in NRW werden unter Laschet gar die Freibäder wieder geöffnet. Fragt sich, warum? Geht es hier um ein Beliebtheitsranking bzw. wer der nächste Bundeskanzler wird oder um die Gesundheit der Bevölkerung? Man traut der Sache nicht. Ich jedenfalls würde in kein Freibad gehen. Auf der anderen Seite bleiben die Kitas geschlossen, die Schulen mühen sich mit einem reduzierten und stark reglementierten Unterrichten ab, Hochzeiten, Konfirmationen etc dürfen nicht gefeiert werden. Wie passt das denn zusammen?
Merkel ermahnte Anfang der Woche die Bürger*innen aller Bundesländer, sich trotz der jüngsten Lockerungen an die Grundgebote der Coronakrise zu halten: Abstand halten, Atemschutz tragen!
So sachlich sie ihre Forderungen vorbringt, kann sie eine neue Bewegung nicht aufhalten: Die sog. Coronaskeptiker (wobei allein die Bezeichnung schon Unsinn ist) stellen eine bizarres Konglomerat aus Verschwörungstheoretikern, Lockdown-Gegnern, Reichsbürgern, Impfgegnern, Rechtsradikalen, vielleicht einfach chronisch Unzufriedenen. Natürlich mischt die AfD auch mit, bietet sog. „Coronaspaziergänge“ an, man begrüßt sich demonstrativ mit Handschlag & Umarmung, jeder habe schließlich das Recht auf Bewegungs-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit.
Anfangs rieb man sich noch die Augen, inzwischen schürt dieses aus dem Boden gestampfte Bündnis von Maßnahmengegnern mit seinem massiven Auftreten im gesamten Bundesgebiet zusätzlich Angst. Dank der AfD wabern totgeglaubte Schlagworte wie „Finanzjudentum“ und „Weltmacht“ durch die dumpfen Gehirne dumpfer Massen, die Coronakrise scheint irrationale Ideologien zu befeuern: „Corona ist Fake!“ oder „Die Pandemie wurde geplant!“ – von wem auch immer, da gehen die Meinungen nun ziemlich auseinander: Von China, von der Pharmaindustrie, vom Weltjudentum, von Bill Gates, von irgendwelchen NGOs.
Sogar eine Coronaskeptiker-Partei wurde gegründet: „Widerstand 2020“, unter anderem von dem Sinsheimer HNO-Arzt Bodo Schiffmann. In Stuttgart steckt der 45-jährige IT-Unternehmer Michael Ballweg mit der von ihm ins Leben gerufenen Initiative Querdenken 711 hinter der Bewegung. Sein vorgebliches Ziel: Die Verteidigung der Grundrechte. Ballweg macht Polizisten wie Landespolitikern das Leben schwer, indem er Demos für 5000, 50000 oder gar 5000000 Menschen anmeldet. Sie erhalten zunehmend Zulauf. Neue Anführer wie Schiffmann und Ballweg argumentieren sehr schlicht: „Wir für das Grundgesetz!“
Wer wollte da widersprechen?