Corona Diary / Spielregeln

Sonntag, B.N. Vernon Subutex von Viginie Despentes ist erst nach 50 Seiten zu ertragen, bis dahin stolpert und holpert man durch das Elend der Vorgeschichte, und ab S. 50 ist es zwar auch ein Elend, aber eins der literarischen Meisterklasse: Der soziale und finanzielle Crash eines aus der Gesellschaft Gefallenen, der Unterschlupf sucht und dabei den am Rand des Abgrunds vor sich hin agierenden und palavernden Kaputtnicks einer moralisch verkommenen, verlogenen, zutiefst verunsicherten Gesellschaft begegnet. Beziehungsweise ihnen auf die Nerven fällt, das Leben geht weiter und die Spielregeln haben sich unwiderruflich geändert.
Gestern in Eisenach gewesen. Den guten Beelitzer Spargel mitgebracht und auch sonst noch ein paar Sachen aus dem Regal mit den Thüringer Specials. Wir haben auch wieder ein Haus angeschaut, eins, das erst noch gebaut werden muss, und der Finanzexperte sitzt gleich dabei, alles ganz easy, no Problem. Später rücken Tini und Asse uns bei einem Glas Sekt auf ihrer Traumterrasse mit Blick über das Johannistal den Kopf gerade, und als wir wieder zuhause in B.N. sind, schmeißt PM die ganzen schönen Hochglanzprospekte ohne ein Wort in den Papierkorb. Wir haben keine Lust auf Bauen. Mir reicht ein Mal, und PM ist froh über alles, was er nicht machen muss. Er hat ja seine Klinik. Was wird nun? Erstmal Corona, danach sehen wir weiter.
Heute Besuch von PMs Kindern – man darf sich jetzt wieder versammeln: Mit direkten Verwandten, Geschwistern und deren Nachkommen und Lebenspartnern oder Angehörigen eines weiteren Haushalts oder zusätzlich vier Personen.
Es gibt nur ein Thema. Das Virus lässt sich nichts vormachen, es bestimmt die Spielregeln selbst an so einem doch eigentlich schönen Abend. Sehr beunruhigend: Bisher galten Ältere als besonders gefährdet, jetzt greift es, in einer etwas anderen Erscheinungsform, Kinder und Jugendliche an. Mit schwersten Verläufen, sehr oft tödlich. Etwas Apokalyptisches liegt in der Luft, Pandemie als Weltgericht und so weiter … kein Wunder, dass so viele darüber nachdenken, wie die Gesellschaft sich „nach Corona“ verändern wird.
Verändern soll?