Peinliches Deutschland

Samstag, B.N. Manchmal ist es peinlich, Deutsche zu sein.
Zum Beispiel jedes Jahr wieder am 8. Mai, dem „Tag der Befreiung“ oder „Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht“ oder „Tag der Beseitigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ – der Tag hat bei uns nicht mal einen richtigen Namen. Und das, obwohl Richard von Weizsäcker schon 1985 dazu aufrief, ihn als „Tag der Befreiung“ in seiner historischen Bedeutung zu würdigen.
Während Russland den 9. Mai als Tag des Sieges feiert und seinem diesjährigen 75. Geburtstag eine coronabedingte Luftparade widmet, um der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen, legt Kanzlerin Merkel einen Kranz an der Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft nieder. Und Bundespräsident Steinmeier hält eine Rede, in der er sich mit den üblichen Textbausteinen in der üblichen Betroffenheitsrhetorik übt, anstatt ein Zeichen zu setzen. Ganz im Gegenteil sogar: Die Einladung Moskaus, an ihrer Feier teilzunehmen, hat die Bundesregierung schlichtweg ignoriert. Und Präsident Putin damit einmal mehr vor den Kopf gestoßen.

„Mich hat empört, dass man auf die Einladung Russlands, an der Gedenkfeier teilzunehmen, überhaupt nicht reagiert hat. Man hat weder Ja noch Nein gesagt, offensichtlich auch bis zum Schluss nicht“, benennt der Historiker Götz Aly das geschichtsklitternde Verhalten der Berliner Politik: „Putin ist [schon] nicht zum D-Day eingeladen worden, er ist nicht eingeladen worden zur Befreiung von Auschwitz, sondern ausdrücklich ausgeladen worden. Das sind Akte, die sich nicht einfach gegen Putin richten, sondern gegen die gesamte russische Bevölkerung.“
Diese kann die ca 27 Millionen Toten, die sie nach dem zweiten weltweiten Wahnsinnskrieg zu betrauern hatte, ganz gewiss auch 75 Jahre danach nicht vergessen. Keine einzige Familie, die nicht davon betroffen war. Wir als Deutsche haben diese Toten mitverschuldet, auch wenn die 2. und 3. nachfolgende Generation sich durch die Gnade der späten Geburt (H. Kohl) vermeintlich rein gewaschen fühlt. Nicht zu vergessen, dass das Land von den Wehrmachtssoldaten im schwersten Raub- und Eroberungskrieg, den es in der Weltgeschichte gegen Osteuropa gegeben hat, ausgeplündert wurde.
Mit dem Begriff des „Untermenschen“ versuchte der Nazistaat seinen Einmarsch zu legitimieren: Als im Sommer 1941 die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel, veröffentlichte Heinrich Himmler eine Broschüre mit dem gleichnamigen Titel. Das Heft sollte Wehrmachtssoldaten wie die deutsche Bevölkerung zum Hass gegen die Völker der Sowjetunion aufstacheln. Es fand enormen Anklang und sorgte für eine Art Gehirnwäsche in den Köpfen der sich überlegen wähnenden Deutschen: Nicht nur Juden, Schwarze, Zigeuner, Homosexuelle und Asoziale galten demnach als minderwertige Lebewesen, die der deutschen Herrenrasse das Wasser nicht reichen konnte. Auch der „typische russische Bolschewist“ (so Alfred Rosenberg in: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, 1930) wurde als Vertreter der Untermenschengattung abgestempelt.
Erinnere ich mich aus reinem Zufall gerade heute an die früher immer wieder kolportierte Geschichte von den Russen und der Klospülung? Demnach schraubten die Russen nach der Befreiung – in meiner Generation nur als Niederlage kommuniziert – die Klospülungen aus den von ihnen geräumten Häusern, um sie woanders wieder anzuschrauben. Und die Welt nicht mehr zu verstehen: Kein Wasser kam aus dem Kasten, da konnten sie noch so sehr an der Strippe ziehen! Diese Geschichte wurde uns von unseren feixenden Lehrern erzählt. Wir fanden sie damals schon grenzwertig – GSD! Die Historie hatte uns – die 2. Generation – bereits ein wenig klüger gemacht.
Jetzt sollen wir wieder dümmer werden. Russland als der Aggressor, der uns mit Trollen unterwandert, Kriege anzettelt – im Gegensatz zu den friedliebenden USA – und sogar – unerhört! – Italien seine Hilfe angeboten hat im Kampf gegen das Coronavirus! Warum, das weiß ja jeder: Aus Propagandazwecken.
Während Deutschland Anfang März zeitweise Exportstopps für Material wie Atemschutzmasken, Schutzanzüge und -brillen verhängt hatte, als Rom um Hilfe rief, schickten zuerst China, dann Russland und Kuba Flugzeuge mit medizinischen Geräten und Personal. Ende März, zur Zeit der Landung der ersten deutschen Rettungsflüge für Corona-Patienten in Italien, hatte sich das Klischee vom „hartherzigen Deutschen“ oder vom „deutschen Oberbuchhalter“ bereits über Wochen verfestigt. Ja, und das ist auch so eine Peinlichkeit.