Corona Diary / Fensterbesuch

Ostermontag, B.N. PM fährt mit mir nach Werne. Wir haben vorher Bescheid gegeben, damit meine Mutter ans Fenster geschoben wird. Zum Glück wohnt sie im Erdgeschoss. Ich habe eine Tasche voller Sachen mitgebracht in der Hoffnung, sie ihr durchs Fenster zustecken zu können. Geht aber nicht, weil es nur einen Spaltbreit gekippt ist. Nichts passt durch. Ich gebe die Tupperdosen – Spargelcremesuppe und Kartoffelsalat – und das übrige Zeug am Eingang ab. Dann versuchen wir es mit einer Unterhaltung – so ein mit Händen und Füßen untermaltes Gebrüll. Jeder auf dieser Seite des Hauses hört mit. Es gibt nur ein Thema: Mit der Einrichtung geht es den Bach runter. Das hat nichts mit Corona zu tun, sondern mit der Übernahme durch einen anderen, noch profitorientierteren Konzern. Seitdem ist das Essen mies, das Freizeitprogramm dürftig, die Pflege lieblos. Sämtliche bisherigen Pflegekräfte haben gekündigt und werden durch Zeitarbeiter aufgefüllt. Wie’s kommen muss, hat einer von ihnen das Virus eingeschleppt, sieben Bewohner*innen sind jetzt infiziert. Meine Mutter ist negativ getestet, was ihr aber nichts nützt. Alle müssen auf ihren Zimmern bleiben, kein Austausch, kein Kontakt, von außen wie von innen totale Besuchssperre. Wir erzählen Geschichten und machen Späße durch die Scheibe. Es ist kalt, es regnet, über Nacht ein Temperatursturz von 15 Grad. Zu wenig, zu wenig, das Dauergefühl gegenüber den alten Eltern. Noch während ich da stehe, überfällt es mich. Jetzt noch mehr als in normalen Zeiten.