Corona Diary / Muße

Diese seltsame Zeit setzt seltene Tätigkeiten auf meine Agenda, die kaum noch in meinem aktiven Wortschatz existieren: Spazierengehen zum Beispiel. Spaziergänge machte man als Kind, mit Mama oder Opa durch die Felder, wo es Kiebitze gab, am Wegrand Schafgarbe und Wiesenklee für einen wuchtigen Strauß und in den Wäldern des nahen Münsterlandes Waldmeister für eine Bowle. Später mit den eigenen Kindern, am Wochenende oder im Urlaub. Spaziergänge sind, im Gegensatz zu Wanderungen und Exkursionen, zweckfrei. Zweckfrei gehe ich jetzt also nach langer Zeit mal wieder spazieren mit der oder dieser mir nahstehenden Person, die ich in der Wohnung nicht treffen darf, immer nur zu zweit nach Coronavorschrift, und finde das ganz großartig. Wir laufen zum Schwärzloch und zum Ammerhof hinaus und wieder zurück geradewegs in den riesigen Vollmond hinein, während in unserem Rücken der Sonnenball hinter der Pferdekoppel versinkt. Das Vogelgezwitscher wird dünner und der Himmel lila. Schön! Schöne Natur. Wieso bin ich schon so lange nicht mehr hier gewesen? Begeistert beschließen wir, diese noch sehr junge Tradition aufrecht zu halten, in nachcoronalen Zeiten, und lesen gleichzeitig den Zweifel in den Augen der Freundin. Normalerweise würden wir jetzt am Schreibtisch sitzen, Hefte korrigieren, Rechnungen schreiben, die Kinder ins Bett scheuchen, was wir so machen in den Abendstunden. Das wissen wir, wie wir wissen, dass der Stress und das Multitasking und der Krach und die Überforderung zurückkommen werden. Mal sehen. Ob wir. Es trotzdem schaffen.
Sonnenbaden ist auch so ein Wort. Das Sonnenbad nehme ich heute Mittag auf dem Ostbalkon, der zur B27 rausgeht. Die ist schwer befahren, das Geräusch von Motorrädern und Autoschlangen hatte ich schon fast vergessen. Die Leute gehen wieder nach draußen und genießen das schöne Wetter und sich selbst. Die Dachterrasse zum Westen ist noch unbepflanzt, darunter der Hof liegt totenstill im Schatten des Vormittags. Also nix für good Vibrations. Auf dem sehr schmalen Ostbalkon lausche ich den Motorgeräuschen nach, wie sie die Stille des Feiertags durchschneiden, und lese Nana von Emile Zola. Und freue mich an der Schönheit jedes einzelnen Satzes.