Corona Diary / Rituale

Samstag. 1. Mai hieß für mich immer, man zieht jetzt bis zum 1. September keine Strümpfe mehr an, lackiert sich die Zehennägel im angesagten Rouge Noir von Chanel und holt die neu geshoppten Sandaletten aus dem Karton – zur Mai-Kundgebung auf dem Marktplatz, wo man sieht und gesehen wird. Das alles ist dieses Jahr ausgefallen. Keiner sieht keinen, und entsprechend sehen die Leute irgendwie nachlässig bis direkt verwahrlost aus. Die Friseure haben seit sechs Wochen geschlossen, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Der immer schnittig frisierte Boris Palmer hat seine Haare abrasiert und trägt seinen Stoppelschädel durch die Talkshows, bei den Frauen werden die grauen Haaransätze breiter und die Kurzhaarschnitte wachsen über die Ohren, hey!, hat einen das je, in einem anderen Äon, gestört? Die meisten Leute arbeiten im Home Office, für wen sich da groß aufpeppen? Vor die Tür geht man nur, um den Briefkasten zu leeren oder das Auto bzw. das Fahrrad aus der Garage zu holen oder zum Einkaufen bei Rewe. Die Nachbarn schlurfen in Jogginghosen und ausgewaschenen Shirts ums Haus, man selbst sieht auch nicht viel besser aus. Sogar im Schuhgeschäft tragen die sonst so aufgestylten Verkäuferinnen bequeme Latschen, sie wirken entspannt und runtergefahren. Ich hole nach, was ich zum 1. Mai nicht geschafft habe – rote Sandalen von Unisa. Wir quatschen und lachen ohne Mundschutz, eigentlich dürfte immer nur eine Kundin in den kleinen Laden, doch schließlich stehen wir zu viert beieinander, wofür wir Strafe zahlen müssten, wenn jetzt die Kontrolleure kämen, und tauschen unsere Corona-Erfahrungen aus.
Am Mittag kommt PM. Wir bestellen Essen bei Gabriel. Er hat auf Lieferservice umgestellt, das Meze liegt traurig und abgedunkelt da, wie alle anderen Gaststätten auch. Er reicht uns die Tüte mit Hähnchen-Pita und griechischem Salat über die Barriere im Eingang, für PM stellt er noch zwei Flaschen griechisches Bier dazu, wie immer das rote, das hat er sich gemerkt.
Alle Welt rätselt, wie sich die Welt nach Corona verändern wird. Nach Corona – allein daran zu denken tut gut.