Corona Diary – Die Macht des Algorithmus

Donnerstag. Dass das Moodle-System gleich am ersten Morgen zusammenbricht, war voraussehbar und nicht weiter tragisch.Tragisch sind die vielen ängstlichen/besorgten/schuldbewussten E-Mails von Eltern und Kindern. Tenor: Ich komme gerade nicht rein, aber ich bin hiermit angemeldet!
Als würde ich ein Häkchen dahinter setzen (genau so lautet die Anweisung). Als würde ich über die zusammengezählt 214 Lernenden auch noch Buch führen, nachdem ich sie rund um die Uhr mit Stoff versorge und zeitgleich ihre Outputs kontrolliere und unermüdlich mit dem System kämpfe, das nichts verzeiht, das so erbarmungslos ist wie keine menschliche Kommunikation es sein kann – es sei denn, der Kommunikationspartner ist hochgradig gestört. Kein Verhandlungsspielraum, that’s it! Digitales Unterrichten heißt maximale Gnadenlosigkeit.
Statt um 7.50 Uhr erst um 7.51 Uhr eingestellt? Geht gar nicht, nichts geht mehr. Aus und vorbei! Abgewiesen! Nicht von mir, sondern vom Algorithmus eines Systems, in das wir Pädagog*innen und unser Klientel sich gerade einarbeiten, als hätten Didaktik und Pädagogik niemals existiert. Bitte ALLES vergessen, was einmal war! Über richtig und falsch, gut oder schlecht, über Akzeptanz und Nichtakzeptanz entscheidet der Algorithmus. Differenzieren? Argumentieren? Debattieren? Bitte, was soll der antiquierte Quark? Die richtigen Klicks sind richtig, die falschen falsch, so einfach ist das und dazwischen brauchen wir nichts mehr.
Das Einstellen des schier unüberschaubaren Materials für meine neun Lerngruppen, der dazugehörenden Fragen und des ganzen bunten Fächers von kreativen Lösungsmöglichkeiten, sonst gemeinsam und vielstimmig im Unterrichtsgespräch entwickelt, jetzt plakativ von mir vorweggenommen und stumpf als Erläuterungstext vorgegeben, erfolgt nachts.
Ich bin Nachtarbeiterin, jetzt ist es raus. Schon immer gewesen und in Zeiten, wo ich den Tag über schon online sein muss (jederzeit abrufbar, überprüfbar, sanktionierbar), erst recht. Jedes von mir eingestellte Dokument ist mit einer Uhrzeit versehen. 214 Menschen wissen ab sofort, wann ich arbeite. Sie kennen meinen Tagesablauf, sie wissen etwas, was sie m.E. nicht zu wissen brauchen. Auch ich weiß, wann sie – oder ihre Eltern – mein Material bearbeiten. Ich versuche die Uhrzeit zu ignorieren – was geht es mich an, ob jemand nachmittags nachholt, was vormittags passieren sollte? Oder gar nicht?
Vielleicht hat sie/er keine Kraft, ist so pandemiebedingt antriebslos wie ich selbst? Vielleicht ist er/sie in Sachen Disziplinierung noch nicht so abgerichtet wie ich, verfügt noch über eine gewisse Widerstandskraft? Soll ich das verurteilen? Soll ich Fragen nach dem Warum, nach den Hintergründen in Zukunft unterlassen? Obwohl genau dieses Differenzierungshandwerk bisher einen wesentlichen Teil meines Berufes ausgemacht hat?
Fernunterricht ist ein Euphemismus für die Hingabe des persönlichen Lebens an einen Algorithmus, den irgendein nicht hinterfragbarer Administrator im Auftrag irgendeines nicht hinterfragbaren Ministeriums – bzw. wirtschaftlichen Unternehmens – vorgegeben hat und der mich jede Minute von neuem genau eins lehrt: Kreativität, kritisches Denken unerwünscht! Klick was du klicken musst, oder du bist raus!
Beautiful New World.