Last Minute

Dienstag. Froh bin ich, dass wir uns vor einer Woche in B.N. noch mit A. und J. getroffen haben, und vor zwei Wochen in Tübingen mit W. und Dorle.
Lockdown bedeutet Einsamkeit. Jeder musst mit sich selbst fertig werden, um mit der Situation fertig zu werden. Gestern und heute herrscht eine durchgeknallte last minute Betriebsamkeit. Auf der B 27 vor meinem Küchenfenster reißt die Autoschlange nicht ab, in den Geschäften rempelt jeder jeden an – soviel zum Abstandsgebot -, die Lehrer-WhatsApp läuft heiß, weil Anweisungen vom Kultusministerium sich überschlagen und damit die Zweifel in der Ausführung.
Ab morgen ist dann wieder alles dicht. Irgendwie auch gut. Du brauchst keine Ausreden mehr, du kannst die Hände in den Schoß legen. Was heute nicht erledigt wird, wird nichts mehr und ist vielleicht auch nicht so wichtig. Die Lebensmittelläden bleiben geöffnet, keiner muss verhungern und das begehrte Klopapier wird auch nicht ausgehen, so what? Im „Amt“ ziehe ich in den zwei verbleibenden Tagen das durch, was sonst in vier erledigt würde, was natürlich Schwachsinn ist, aber Jahresende heißt auch Akten schließen, und wenn es noch so abrupt daherkommt. Weshalb ich mir die Nächte mit Korrigieren von Klausuren um die Ohren schlage, bis die verkorksten, verschrobenen Krüppelsätze mir aus denselben raushängen. Um die Grundkompetenz Schreiben ist es nicht zum Besten bestellt, aber das ist ein anderes Thema, ein vergebliches dazu: Schreiben und Sprechen sind nur zwei der Opfer, die die Gesellschaft der Digitalisierung darbringt, das mache ich nicht zu meiner Sache.
Im „Amt“ gibt es täglich neue Coronafälle, das Virus rückt immer näher. PM testet mich an den Wochenenden – Momentaufnahmen. Gestern, heute, morgen kanns auch mich erwischen.
Mit T. zusammen ein Bäumchen gekauft, ein kleines im Topf, so ändert sich alles. Statt deckenhoch jetzt eben auf Taillenhöhe, und wenn es auf dem Hocker steht, auf Augenhöhe. Höchstens ein Fünftel meiner Weihnachtsdeko passt drauf. Es hat Wurzeln, vielleicht überlebt es.