Frau Baerbock schreibt ein Buch

Sonntag. Die Grünen-Kanzlerkandidatin wehrt sich.
Zuerst die zu späte Meldung von Sonderzahlungen beim Bundestag (wofür überhaupt die Coronazulage???). Dann die Übertreibungen, was ihren Lebenslauf angeht. Und nun das: In ihrem Buch Jetzt soll Anna-Lena Baerbock abgekupfert haben.
Entschuldigen mag sie sich nicht schon wieder. Lieber engagiert sie den Medienanwalt Christian Schertz, um sich argumentativ gegen die Plagiats-Vorwürfe aufzurüsten. Und das hört sich dann so an:
Sie habe „sehr bewusst auf Fakten aus öffentlichen Quellen zurückgegriffen“, die ja ohnehin jedermann bekannt seien! „In diesem Sinne stecken hier auch Ideen, Kenntnisse und kreative Gedanken von all den Menschen drin, mit denen ich in den letzten Jahren eng Politik machen durfte.“ Warum diese Menschen, von denen sie so profitiert hat, in ihrem Buch namenlos bleiben, bleibt Baerbocks Geheimnis: „Ganz viele Ideen von anderen sind mit eingeflossen“, insofern sei ihr Buch „eine Zusammenstellung aus dem, was alles mit eingeflossen ist“ (das „mit eingeflossen“ muss Schertz ihr eingebläut haben).
Und dann kommt doch noch die Antwort: „Das ist kein Fachbuch, daher gibt es keine Fußnoten.“ (alle Zitate nach spiegel.de 29.06.21 und 01./03.07.21)
Ach so. Stellt sich die Frage, warum sich in einem nichtwissenschaftlichen Buch keine Quellen angeben lassen? So mit Anführungszeichen, wie es jedem Studierenden im 1. Semester beigebracht wird und eigentlich inzwischen sogar jedem/jeder Schüler*in ab der 5. Klasse?
Vielleicht wusste Baerbock aber tatsächlich gar nichts von den zahlreichen Copy-and-Paste-Stellen in ihrem Buch, die Dr. Stefan Weber – Leiter von plagiatsgutachten.com – ihr mittlerweile nachweisen konnte. „Es ist gerade keine Doktorarbeit“, versichert Baerbock überflüssigerweise. Grundlage ihres Werks seien vielmehr die Niederschriften langer Interviews, die der Autor Michael Ebmeyer mit ihr geführt und anschließend transkribiert habe. Sie selbst habe auf dieser Basis dann das Buch verfasst. Auf ganz direkte Journalistennachfrage, ob sie das Buch selbst geschrieben habe, antwortet Baerbock: „Ja, aber wie es so schön heißt: Niemand schreibt ein Buch allein. Es sind nicht nur viele Ideen eingeflossen (!), ich habe dankenswerterweise auch Unterstützung bekommen.“
Niemand schreibt ein Buch allein? Bisher fand ich Baerbocks kreativen Umgang mit der Wahrheit eher funny, doch diese Aussage verwirrt mich. Ich habe auch keine Lust, die mediale Kritik daran als Gemoser aus dem konservativen Lager abzutun, wie Sascha Lobo es hinzudrehen versucht. (Konservativ ist für mich eher Baerbocks neugrün-aggressiver außenpolitischer Kurs, der mir direkt Angst einjagt.) Die falsche Behauptung, niemand schreibe sein Buch allein, nimmt mich als Autorin nicht ernst, deshalb verwehre ich mich dagegen. Ich habe keines meiner Bücher „mit Unterstützung“ geschrieben, und ich kenne auch sonst keinen Autorenkollegen, der das tut.
Der baerbocksche Schlingerkurs in eigner Sache nimmt mich aber auch als politisch aktive Bürgerin nicht ernst. Wie viele andere sehne ich mich nach Veränderung, nach Aufbruch, nach einer postkapitalistischen Vision anstatt nach modischem Greenwashing und der Augenwischerei eines – Achtung: Oxymoron! – nachhaltigen Kapitalismus‘.
Auf wen kann ich mich dabei verlassen? Sollte eine Kanzlerkandidatin egal welcher Partei nicht unbedingt auf die großen Themen wie Klimapolitik, Friedenspolitik, Gerechtigkeit, Umweltschutz, Gleichberechtigung, Migration … eine GLAUBHAFTE Antwort haben? Und wenn es nur die ist, dass eine Antwort gerade nicht zu haben ist?
Welcher Teil ihres Buches geht nun also auf Baerbock selbst zurück? Wenn man sie beim Wort nimmt, hat sie aus Ebmeyers Transkription – wahrscheinlich durch Ergänzungen / Streichungen und einen Rahmen – die endgültige Fassung erstellt. Die Copy-and-Past-Passagen waren jedoch kaum Teil der Interviews. Vielleicht gehen sogar nur die autobiografischen Abschnitte auf ihre Kappe, und bei dem Rest hat sie sich auf Ebmeyers Professionalität verlassen.
Meine Frage: Wenn Baerbock ein Buch geschrieben hat, das im Wesentlichen nicht auf ihre eigene Arbeit zurückzuführen ist und das Inhalte wiedergibt, die ohnehin jeder weiß und die woanders längst nachzulesen sind – warum hat sie es überhaupt geschrieben?
Ein Buch zu schreiben setzt voraus, dass man eine Geschichte zu erzählen hat. Eine Geschichte, für die man brennt und die raus in die Welt muss. Davon muss man als Autorin überzeugt sein: die Welt wartet auf meine Geschichte! Ohne das braucht man gar nicht erst anzufangen. Ein Buch auf den Markt zu werfen, um sein Image aufzupolieren, hat mit Schreiben als kreativem und existentiellem Prozess nichts zu tun.