Frust in Stuttgart

Donnerstag. „Das hat uns gerade noch gefehlt!“, wettert Old Kretsche am Tag danach.
Stuttgart hatte seinen ersten Straßenkampf, wenn man es so nennen will und wie man es sonst eher von Berlin kennt. In der Nacht zum vergangenen Sonntag waren Polizeieinheiten aus dem ganzen Bundesland beordert worden, um der Lage Herr zu werden.
In den 2010ern musste ich zwei Jahre lang zweimal im Monat abends durch die Stuttgarter Innenstadt laufen: Vom Literaturhaus zum Bahnhof. Die sog. Partyszene gab es schon damals. Hunderte von jungen und nicht mehr so jungen Männern hockten am Boden, auf Treppen und Blumenkübeln, gaben sich die Kante, pöbelten die gezwungenermaßen durchquerenden Frauen an, pinkelten ziemlich gar nicht versteckt in die Ecken, warfen mit Flaschen und anderem Müll um sich. Es hatte etwas Bedrohliches und ich war jedesmal froh, wenn ich da durch war. Wieso wundert man sich, wenn genau diese Szene jetzt in die Offensive geht? Wieso verplempern Politiker*innen und Journalist*innen ihre Zeit mit Überlegungen, ob die Aktion politisch motiviert war? Gar „linksradikal“? Was ist denn daran linkspolitisch, Schaufenster einzuschlagen und Handys zu klauen? Wo bitte gibt es die linke Szene, die je zu solchen bekloppten Maßnahmen gegriffen hätte? Zumal viele der Ladenbetreiber Stuttgarter Bürger mit Migrationshintergrund sind? Die jetzt die Welt nicht mehr verstehen: Anschläge auf sie aus der „Party“ecke?
Mich wundert eher, wieso genau das nicht viel früher passiert ist. 500 Leute zusammentrommeln – no problem, wenn es darum geht, die Sau rauszulassen. Mich wundert, wieso Stuttgart nicht längst eine Strategie für exakt diesen Fall in der Schublade hatte.