Langer Abend

Samstag. Das war ein schöner Abend. Lesung in Ludwigshafen (Protestantische Melanchthonkirche) mit meinem Buch Lass uns über den Tod reden. Da die Veranstaltung wg. Corona nicht so reichlich besucht war, ergab sich hinterher ein phantastisches Gespräch. Alle haben ausgepackt: Gibt es ein Leben danach? Gibt es Kontakt zu unseren Verstorbenen? Gibt es ein Ende der Trauer? Geschichten so kostbar und intim, dass ich sie hier nicht ausbreiten will, dass ich sie am liebsten mitgeschnitten hätte. Alle hatten Zeit mitgebracht, und so fand die Lesung einschl. Signierung erst nach drei Stunden ein Ende. Einmal mehr zeigte es sich, dass gelungene Lesungen ein gegenseitiges Geben und Nehmen sind, ich fühle mich in gleicher Weise davon bereichert wie die Zuhörer*innen. Freundlicherweise wurde ich von dem Veranstalter-Ehepaar zum Bahnhof gebracht, was mir Zeit sparte, die ich dann doppelt und dreifach hatte – mein Zug nach Stuttgart hatte 50 Minuten Verspätung. Zum Glück hatte ich Proviant dabei: Fair gehandelte Trüffelpralinen – liebenswürdiges, köstliches Gastgeschenk. Gegen 1 Uhr morgens war ich wieder zuhause und noch sehr bewegt (und hungrig). Es gibt in diesen überstürzten, unsicheren Zeiten auch Ruhepole, man muss sie sich suchen, oder sie suchen einen.
Die Ludwigshafener Innenstadt hat mich deprimiert. Viel Beton, viel Dreck, heruntergekommene Straßen und Läden und auf dem ganzen Weg vom Bahnhof nach LH-Mitte kein einziger Bäcker, kein einziges Café, was ich dringend gebraucht hätte, weil direkt vom „Amt“ losgefahren und den ganzen Tag nichts gegessen. Das konnte ich ja nun im Zug nachholen. Ich liebe nächtliche Fahrten in leeren Zügen, da bist du mit dir allein, kannst hemmungslos nachdenken, keiner will was von dir, nichts bedrängt dich. Ein Abend wie schwarzer Samt.