Neuanfang

Dienstag. Noch eine neue Lerngruppe:
Sie sind Ü20, möchten sich beruflich neu orientieren und kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Und trotzdem erlebe ich wieder dieses Klima von Solidarität, von geschlossenem Raum, in dem jeder erzählen und schreiben und vorlesen kann, was ihn/sie umtreibt. Auf das kreative Schreibangebot reagieren sie überrascht und positiv. Zwei lassen in den sechs Vormittagsstunden geradezu göttliche Texte entstehen. Einer kommt nach vorn und sagt, er könne nicht schreiben. Warum nicht, frage ich, weil ich nicht gleich kapiere, dass er Schreiben nie gelernt hat, auch nicht die Schrift seiner Muttersprache. Die sechs Stunden sitzt er am Handy spielend ab, denn er kann auch nicht lesen. Ich habe keine Aufgabe für ihn, ich kann ihm nicht helfen. Sechs Stunden Lebenszeit – selten war ich so ratlos. Einer von vielen Fehlern im System.
Es klopft, ein junges Mädchen kommt nicht rein, sondern bleibt mit um den Körper geschlungenen Armen im Gang stehen. Sie interessiert sich für meine Schreibwerkstatt. Ich sage ihr den Termin (morgen) und frage, ob sie vielleicht schon was mitzubringen hat. Unter ihrer Riesenjacke zieht sie ihr Handy vor und zeigt mir eine sehr verzweifelte Trennungsgeschichte. Hast Du noch mehr, frage ich sie, und sie wischt weiter: Noch eine Trennungsgeschichte. Darf ich?, frage ich und wische zum nächsten Text. Auch das eine Trennungsgeschichte. Du hast dich an einer Scheißerfahrung ganz schön abgearbeitet, sage ich. Sie lächelt nicht, sagt kein Wort. Vielleicht kommt sie morgen oder schickt mir ihre Texte. Vielleicht auch nicht.
Immer noch bin ich mir nicht sicher, ob wir ein neues Buch machen, ob die Energie ausreicht. Meine inklusive.