Ausgangssperre

Freitag. Merkels leidenschaftliche Ansprache vorgestern vor dem Bundestag hat beeindruckt. Als sie über die aktuellen Corona-Zahlen spricht – 590 Tote an dem Tag – bricht ihr die Stimme weg, so hat man sie noch nie gesehen.
Die Reduktion der Kontakte sei nicht ausreichend, betont Merkel und dass man wieder auf Inzidenzwerte von 50 kommen müsse (zum Vergleich: im Oktober lag der Wert bei 35, weshalb die 3. Pandemiestufe ausgerufen wurde!). Dafür soll nach ihrem Willen der harte Lockdown schon am 16. Dezember beginnen und bis Mitte Januar andauern.
Wie vielen Gaststätten, Geschäften, selbstständigen Unternehmen wird mit den jüngsten Maßnahmen endgültig das Genick gebrochen? Und wie lange wird es dauern, bis die Kulturszene sich davon erholt? Wird das überhaupt gelingen? Beate berichtet, dass sie seit sieben Monaten kein Einkommen mehr hat. Ihre Wohnung hat sie aufgegeben und lebt nun bei ihrem Mann in der Schweiz, bisher hatte sie – aus gutem Grund – eine Fernbeziehung wie ich.
PM kommt spät am Abend an und ist fertig mit den Nerven. Alle Pläne sind schon wieder Schnee von gestern, auch die Kliniken, vermutet er, werden wieder runtergefahren. Am Sonntag treffen sich die LänderChiefs & Kanzlerin und entscheiden, wie es weitergehen soll. Konkret: Vorverlegung der Schulferien, Runterfahren weiterer Einrichtungen, Weihnachten feiern mit max. 10 Personen, bundesweite Ausweitung der Ausgangssperre bzw. deren Dauer in Baden-Württemberg. Man glaubt es ja kaum: Kretschmann hat ab morgen/Samstag eine Ausgangssperre ab 20 Uhr verhängt. Die Luft brennt, jetzt übertrumpfen sich die Ministerpräsidenten gegenseitig mit Maßnahmenkatalogen. Wir sitzen uns deprimiert gegenüber, der Tag war anstrengend, wir sind ausgelaugt und schlecht drauf und können uns nicht viel geben.
Weihnachten – interessiert mich nicht. Der Zirkus, den ich sonst um diese Zeit betrieben habe, kommt mir sehr seltsam vor. Noch vor zwei Wochen habe ich mich aufgeregt, dass der Staat mir reinreden will, wie und mit wem ich feiern darf. Inzwischen ist es mir egal. Ich bin stumpf. Ohne Leidenschaft. Der Sinn von vielem kommt mir immer mehr abhanden. Tagwerk – vor einer Ewigkeit hatte das Wort einen speziellen Klang für mich. In mir klingt nichts mehr. Dieses miese fiese Virus frisst mir mein Gehirn weg, ohne dass ich infiziert bin.