Politisch ungeimpft

Samstag: Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Wirksamkeit des russischen Impfstoffs Sputnik V wird kaum noch bestritten. Doch die EU weigert sich ihn zu bestellen. Zu mächtig sind die Bedenken, Putin damit zu einem Imagegewinn zu verhelfen.

Trotz der EU-Bestellungen von 2,6 Milliarden Impfdosen bei sechs verschiedenen Herstellern ist zu wenig da. Entweder sind die Präparate noch gar nicht zugelassen oder noch nicht produziert.

Warum die EMA-Zulassung des russischen Impfstoffs sich dermaßen in die Länge zieht, obwohl die halbe Welt schon damit geimpft ist, darüber kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Das Zulassungsverfahren läuft seit Anfang März.

„Impfen ist immer politisch“, sagt der Historiker Malte Thießen, der sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte der Gesundheitsvorsorge befasst. Schon seit dem 19. Jahrhundert ist Impfen ein effektives Mittel in der Innenpolitik: ein Staat kann sich damit gegenüber seinen Bürgern sehr gut als sozial und fürsorglich profilieren. Mit dem 20. Jahrhundert tritt neben diesem innenpolitischen Aspekt noch ein außenpolitischer dazu. Das Impfen wird zu einer Art Leistungstest einer Gesellschaft, die sich im Vergleich mit anderen Gesellschaften dadurch besonders hervorhebt.

Auch in der Corona-Pandemie gibt es die internationalen Rankings, doch merkwürdigerweise riskieren EU-Länder hier lieber ihre schlechten Plätze, als dass sie sich auf einen Deal mit den Sputnik-Herstellern einlassen.

Als ein prominentes Beispiel für die außenpolitische Dimension des Impfens führt Thießen die Polio (Kinderlähmung) an: „In den 1950er Jahren, mitten im Kalten Krieg, hatte die DDR vor der BRD einen wirksamen Impfstoff dagegen entwickelt. Nach einer großen Epidemie im Ruhrgebiet 1961 bot sie der Bundesrepublik vier Millionen Dosen an. … Bundeskanzler Konrad Adenauer lehnte das Angebot damals ab – und zwar aus Erwägungen heraus, die womöglich auch heute eine Rolle spielen, wenn es um Sputnik V geht. „Adenauer fürchtete einen Propaganda-Coup der DDR, verbunden mit der Sorge, dass der Eindruck entsteht, man sei vom Systemgegner abhängig und die DDR würde als ‚das bessere Deutschland‘ dastehen.“

Politische Erwägungen stehen also vor dem Infektionsschutz der Bevölkerung. Und das, obwohl uns ständig erzählt wird, der Schutz unserer aller Leben stehe an erster Stelle. Wer fühlt sich da von den Entscheidungsträger*innen noch ernstgenommen?

Ein Beispiel für eine erfolgreiche weltweite Zusammenarbeit sieht Thießen in dem Pockenausrottungsprogramm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den 1970gern: „An diesem Programm beteiligten sich auch die ‚Systemgegner‘ USA und UdSSR, wobei die einen vornehmlich das Geld und die anderen die Produktionskapazitäten gaben. Die Pocken gelten seit 1979 als ausgerottet.“

Und jetzt wird es spannend: „Eine solche weltweite Zusammenarbeit gibt es derzeit auch. Sie heißt Covax, wird von der WHO organisiert, hat aber bislang weniger Wirkkraft als das Programm damals – was wohl auch daran liegt, dass sich Staaten, die es sich leisten können, schnell große Mengen an Impfstoff gesichert haben. Nicht umsonst wird Sputnik V nach Angaben des Russian Direct Investment Fonds (RDIF), der an der Finanzierung der Impfstoff-Entwicklung beteiligt und für die Vermarktung zuständig ist, insbesondere in Afrika, Lateinamerika und Asien eingesetzt.

Russland verkauft an verzweifelte Menschen, sagte dazu der Medizinprofessor Lawrence Gostin von der Georgetown University dem Magazin Business Insider. Und: Dies ist eine Art zu zeigen, dass Russlands technologische Fähigkeiten denen des Westens ebenbürtig sind.“

Böswillig könnte man sagen: Wie gut für Angela Merkel, dass gerade jetzt Alexej Nawalny mit seinem Hungerstreik dazwischengrätscht und ihr die besten Argumente gegen den Impfstoff-Deal liefert. Die Bundesregierung mache sich „sehr große Sorgen“ um Nawalny, sagte Merkel.

Wieso sorgt sie sich nicht in erster Linie um die vielen ungeimpften Bundesbürger*innen?