Schnöselig

Der Titel des FAZ-Beitrags Ein Tag in Eisenach – Luthershuffle statt Luthershuttle ist so wortspielmäßig bemüht wie der Beitrag selbst. Unter der Rubrik ‚Reisen‘ erfährt die Leserin, dass der Autor Andreas Platthaus den Weg zur Wartburg hochschlurfen musste, statt ihn mit dem Wartburg zu fahren, nun ja …
Interessant finde ich den Artikel (den mir mein in Naumburg geborener, in Hamburg lebender Onkel als Print-Ausgabe schickte) vor allem deshalb, weil er so schnöselig ist. Ein typischer Wessi-Beitrag über eine ostdeutsche Stadt. Der Autor erzählt ja auch vor allem DDR-Geschichte, DDR-Auto-Geschichte!, und weniger von den erfolgreichen Unternehmungen, diese wunderschöne wie widersprüchliche Stadt im Herzen Thüringens für den Tourismus zu öffnen – also genau das, was reiselustige Leser*innen im August in Corona-Deutschland interessiert hätte …
So ist – um nur ein Beispiel zu nennen (und weil mich die Auto-Historie nicht interessiert) – sein Gemäkel am Erweiterungsbau des Bach-Hauses für mich nicht nachvollziehbar: Direkt an das historische Gebäude angeschlossen, zeigt der Neubau eine außen wie innen sehr gelungene, moderne Architektur auf sehr wenig vorhandenem Raum, während der Autor meint, sich „mit Grausen“ abwenden zu müssen. Offenbar hat er sogar mit jemandem darüber gesprochen, offenbar hat dieser Jemand – vergeblich – versucht, ihm den regionalen Baustoff Muschelkalk näher zu bringen, offenbar war dieser Jemand ein Experte – Scheiße aber auch!, ich kann mir dieses Gespräch so verdammt gut vorstellen. Platthaus‘ Urteil stand bereits fest. (Wahrscheinlich immer noch wegen dem Wartburg). Ist Platthaus Architekt? Nein, mit Sicherheit nicht. Genauso wenig wie ich. Von einem Journalisten, der über ein ihm fachfremdes Gebiet wie Architektur glaubt schreiben zu müssen, erwarte ich aber, dass er eine subjektive Empfindung von einer sachlichen Einschätzung zu unterscheiden vermag.
Der Artikel ist ein Beispiel dafür, was viele Ostdeutsche als die Arroganz des Westens bezeichnen. Da ich inzwischen für das Thema sehr sensibilisiert bin, fällt es auch mir als Westdeutsche immer wieder auf: Selten gibt es eine sachliche Berichterstattung über den Osten, und gern schleicht sich ein abwertender Blick ein – journalistische Tages-Gags auf Kosten der ostdeutschen Menschen, die dann, nicht weiter erstaunlich, mit Abwehr und Empörung reagieren.
Ich bin gerne und oft in Eisenach. Ich habe selten so liebenswürdige Menschen kennengelernt (und auf der anderen Seite so barsche, unliebenswürdige). Auch mit meiner Lieblingslerngruppe war ich schon für eine Woche dort und konnte meine Begeisterung mit den Jungs und Mädels teilen. Es gibt dort viel mehr Kultur als das Bachhaus und die Wartburg, wobei die allein schon eine Reise wert sind. Es gibt ein funktionierendes Theater (und direkt gegenüber ein Lokal, das auch nach Theaterschluss noch warme Küche hat), wunderbare Gasthäuser und Cafés und eine phantastische Umgebung. Es gibt schöne Geschäfte und in der Fußgängerzone den besten Metzger und den besten Bäcker der Welt.
Übrigens kenne ich einen Eisenacher mit einem Wartburg. Wenn man den höflich fragen würde …