Corona Diary / Zweite Welle

Samstag. In Berlin demonstrieren 20.000 Corona-Gegner*innen und feiern sich selbst mit sinnfreien Parolen wie „Wir sind die zweite Welle“, „Wir sind das Volk“ oder „Die größte Verschwörungstheorie ist die Corona-Pandemie“. Corona sei Propaganda – deshalb sind sie ohne Masken und natürlich ohne Sicherheitsabstand unterwegs. Angemeldet waren 1000 Demonstranten. Da die Sache sehr schnell aus dem Ruder läuft, wird die Veranstaltung von der Polizei abgebrochen. Gegen die Initiatoren soll es eine Strafanzeige geben. Die Demonstranten fordern ein Ende aller Auflagen. Masken tragenden Passanten brüllen sie „Maske weg!“ entgegen. Das alles bei gleichzeitig steigenden Infektionszahlen. Die Kundgebung am Brandenburger Tor ist unter dem Motto: „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ angemeldet worden. „Tag der Freiheit“ ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Propagandafilm von Leni Riefenstahl über den Parteitag der NSDAP 1935. Womit die politische Ausrichtung geklärt wäre. Kein Wunder – Initiator ist der Stuttgarter Michael Ballweg, Gründer der rechten Initiative „Querdenken 711“, der mit massenhafter Anhängerschaft angerückt ist.
Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken schreibt auf Twitter: „Tausende #Covidioten feiern sich in #Berlin als „die zweite Welle“, ohne Abstand, ohne Maske. Sie gefährden damit nicht nur unsere Gesundheit, sie gefährden unsere Erfolge gegen die Pandemie und für die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft. Unverantwortlich!“
Wir sind wieder bei 1000 Neuinfektionen pro Tag. Wie viel Blödsinn verträgt eigentlich eine Demokratie?
Ich schotte mich in meiner Wohnung ab und arbeite. Bei 35 Grad keine einfache Sache. Ich habe ein ausgeklügeltes Belüftungssystem ersonnen, um ein wenig Kühlung in meine Dachwohnung zu bringen. Im Innenhof findet gerade wie jeden Samstag ein Konzert statt: Alte Songs von Bob Dylan, Reinhard Mey, Woody Guthry und Paul Simon in zittrigem Sopran – ehrlich gesagt, finde ich’s gräßlich, und Singer Songwriter waren noch nie so mein Ding, aber das verrate ich niemandem. Ist ja gut gemeint (die kleine Schwester von … hm, hm) und ist ein Kulturbeitrag in einer kulturlosen Zeit, in der Kinos, Theater, Konzertsäle nach wie vor bis auf Weiteres geschlossen bleiben müssen.