Sendbrief vom Dolmetschen

Dienstag. Wochen und Monate haben er und seine Mitarbeiter oft gebraucht, um gemeinsam nach einem einzigen passenden Wort zu suchen – und es manchmal doch nicht zu finden. So klagt Martin Luther in seinem Sendbrief vom Dolmetschen aus dem Jahr 1530, in dem er die Mühen der Bibelübersetzung aufs Anschaulichste beschreibt.
Dolmetschen hieß für Luther Auslegen. Erst wer den Sinn eines Textes erfasst, kann die passenden Wörter wählen. Luther und sein Expertenteam überdachten und überarbeiteten die biblischen Texte deshalb immer wieder. Jede neue Erkenntnis über die Geschichte und Kultur des Nahen Ostens, jedes bessere Verständnis des Griechischen und Hebräischen ermöglichte ihnen eine treffendere Ausdrucksweise. Für Luther hörte die Arbeit an den biblischen Texten deshalb nie auf. 1522 erschien das sog. September-Testament, das Neue Testament in deutscher Sprache. Schon drei Monate später war es vergriffen und musste neu aufgelegt werden: das Dezember-Testament. Die vollständig übersetzte Bibel erschien erst 1534. Luthers Motto: „Man muss dem Volk aufs Maul schauen. „Der Theologe wollte verstanden werden, verquastes Gelehrten-Geschwurbel war ihm zuwider. So schuf er eine gehobene Alltagssprache voller lebendiger Bilder aus dem alltäglichen Leben, im Gottesdienst wie im häuslichen Studium anwendbar.

Kleine Kostprobe – Ps. 90, V. 12:
Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. … (Luther-Übersetzung)
– Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen! (Genfer Übersetzung)
– Darum bringe uns das Zählen unserer Tage bei. Dann bekommen wir ein Herz voller Weisheit. (Offene Bibel)
– Lass uns erkennen, wie kurz unser Leben ist, damit wir zur Einsicht kommen. (Gute Nachricht)
– Hilf uns doch zu verstehen, Gott, warum unsere Tage so kurz bemessen sind, damit wir klüger werden. (Klaus Bannach)
– Erinnere uns, dass wir klein sind, kurzfristig hier auf geliehener Erde wohnend. Lehre uns, dass wir sterben müssen. (Dorothee Sölle)
– Lass uns den Tod bedenken, damit wir zu einem Leben finden, das stärker ist als der Tod. (Vera-Sabine Winkler)
– Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir Leben gewinnen. (Vera-Sabine Winkler)*

Der Satzlängen-Vergleich sagt genug aus! Kurz davor heißt es übrigens passenderweise: Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz (Ps. 90, V. 9). Wie wahr.

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*zusammengestellt von Bärbel Bähr-Kruljac