Wer kriegt die 1,9 Billion?

Samstag. Während der Staat sich zu Tode rettet, dümpeln unsere Schulen, Kliniken, Altenheime und Kindergärten wie gehabt vor sich hin. Nach Einschätzung der Deutschen Bank hat der Finanzminister zur Stimulierung der deutschen Volkswirtschaft ca. 1,9 Billionen Euro investiert. Eine Billion hat für mich eher den Charakter des Abstrakten als den einer Zahl, man weiß gerade noch, wieviele Nullen sie hat (zwölf!), vorstellen kann man sie sich kaum mehr.
Als Beschäftigte einer nicht subventionierten, pädagogischen Einrichtung reibe ich mir die Äuglein und bedaure, dass ich nicht bei Lufthansa, auf der Aida, in der Autobranche oder irgendeiner Bank meine Brötchen verdiene. Dahin fließt nämlich ein beträchtlicher Teil der eben zitierten, unvorstellbar hohen Summe öffentlicher Gelder.
Dann müsste ich mich nicht in unzulänglich zusammengestoppelte Plattformen einarbeiten, die irgendwelche Nichtfachkräfte in vielen Überstunden kostenneutral installiert haben, um sie in unsäglichen Schnellkursen, die ebenfalls nichts kosten (dürfen), an das Fußvolk, also an mich, zu bringen. Die Frage, wo eigentlich die Geräte bleiben, die für den Digitalisierungsprozess (nur darum geht es seit Corona) doch irgendwie notwendig sind, wird geflissentlich überhört. „Kauf sie Dir!“, lese ich in den bösen Augen des angesprochenen Hobby-Digitalisierers: „Öffentliches Geld ist dafür nicht da.“
Als Bankerin oder Lufthansa-Mitarbeiterin müsste ich mich auch nicht auf zu eng bemessenen Arbeitsplätzen drängeln und den rein theoretischen Pflichtabstand von 1,50 m abnicken, um ihn dann in der Anwendung pflichtschuldig schnellstens wieder zu vergessen: Das Haupt meiner werten Kollegin und Sitznachbarin befindet sich ca. 50 cm von meinem entfernt, und anders geht es auch gar nicht, waren die Arbeitstische doch schon vor Corona viel zu klein, um sie sich jeweils zu acht (!) zu teilen. Wir grinsen uns an und schlucken alles, was wir gerade in Endlos-Sitzungen zur Kenntnis genommen haben, runter in unsere leeren Mägen. Denn die Cafeteria ist coronabedingt geschlossen, und einfach mal eben einen Brötchenstand zu installieren anlässlich der überraschenderweise 9-stündigen Veranstaltung für die ca 100 KollegInnen wäre ja kostenneutral kaum zu bewerkstelligen. Dafür haben wir natürlich Verständnis.
Wir begreifen: Die ganzen Maßnahmen, die uns ins Hirn gepflockt werden, haben nichts mit uns zu tun. Es geht darum, sie zu kennen, nicht mehr und nicht weniger. Die Leitungsetagen aller Ämter im Lande haben damit ihre Pflicht erfüllt, haben abgeladen und ausgekotzt, auflöffeln dürfen es die anderen. Die, die sie umsetzen sollen. Und die kapieren ganz schnell: Die Maßnahmen sind überhaupt nicht zum Umsetzen konzipiert, das ist die versteckte Fußnote. Es geht einzig um die Einhaltung der Form. Nach der Praxis fragt (hoffentlich) kein Schwein.
Bei dieser Erkenntnis bleibt es aber leider nicht. Eine viel weitgreifendere kommt noch hinzu: Der Staat ist die Wirtschaft! Das haben wir natürlich längst gewusst, aber so deutlich wie in diesen Monaten wurde es uns noch nie vor Augen geführt. Wir PädagogInnen freuen uns, dass unser Finanzminister die Gießkanne über den Großbetrieben ausschüttet, die brauchen das nämlich viel nötiger als wir. Sie sind die Säulen unseres Systems. Was sind Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Altersheime und so weiter denn schon gegen Lufthansa? Oder gegen Aida?
Umfragen, wofür die Deutschen seit der Coronakrise ihr Geld ausgeben, bringen es übrigens zutage: Für Möbel. Während das Coronavirus gewütet hat, haben die Bundesbürger ihre Wohnzimmer neu eingerichtet. Auch Garten- und Balkonmöbel sind gerade der Renner bei Amazon und Otto.de. My Home is my Castle, wozu benötigt man da noch die große Bühne? Die dürfen sich Scholz/Angie und ihr Stab getrost teilen.
Die Botschaft ist voll und ganz bei uns angekommen: Klappe halten und die Pakete mit dem Grinsemund auspacken! Je mehr, desto besser. Nur der konsumierende Bürger ist ein guter Bürger. Und ich will endlich meine Hollywood-Schaukel. Die wünsche ich mir fast schon ein Leben lang. Und Kettler hätte auch was davon. Wäre das jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt?