Zeit

Samstag. Auf meinem Weg zur Arbeit, den ich manchmal zu Fuß zurücklege, kommt es auf jede Minute, jede Sekunde an. Nehme ich die Abkürzung durch die Bahnhofsunterführung, oder bleibe ich oben? Für den Fall, dass ich sie nehme: Fahre ich mit dem Aufzug hoch oder laufe ich die Treppen? Wenn ich an der Apotheke vorbeikomme, werde ich schon fünfzehn Sekunden später die Baustelle erreicht haben und in einer anderen Wirklichkeit angekommen sein. Baustellen lösen andere Gedanken in mir aus als Apotheken, ich sehe plötzlich andere Möglichkeiten, ich bin eine andere. Was ist Zeit? Was macht sie mit mir? Im allerkürzesten Abschnitt kann sie meine Existenz vernichten – der Depp, der mich neulich fast umgenietet hat! -, ein tödlicher Unfall, eine bleibende Verletzung, und das Leben einer ganzen Menschengruppe ist ein anderes als noch eine Sekunde davor. Andererseits kann ich zwei Stunden lang im Sand liegen und vor mich hindösen und nichts geschieht. Der totale Stillstand, sowohl außen als auch in mir. Der große Zeiger der von Weitem sichtbaren Uhr steht meistens auf der Acht, wenn ich an ihr vorbeilaufe – zwanzig vor. Bin ich auf der Höhe der Baustelle, steht er immer noch auf acht. Das wundert mich jeden Morgen. Er hinkt dem Sekundenzeiger hinterher, und erst, wenn ich über die Baustelle raus bin und mich noch einmal umdrehe, ist er einen Strich vorgerückt: Neunzehn vor. Eine Minute, eine Ewigkeit.