Morgens um sieben ist die Welt noch …

Samstag. Ich mag Virginie Despentes. Mit scharfen Schnitten zerlegt sie die Dinge in ihre Einzelteile. Da liegen sie dann vor einem, und ihre subtilen Zusammenhänge machen einen traurig und betroffen. Nie wütend, dazu ist ihre Haltung zu abgeklärt. Despentes hat früher als Prostituierte gearbeitet, nicht aus Zwang, sondern um sich finanziell unabhängig zu machen in einer Gesellschaft, die auf weibliche Abhängigkeit angelegt ist. Daraus macht sie kein Geheimnis. Im Gegenteil, leben die sexuellen Passagen, wie auch ihre ganz frühen Romane, von dieser Erfahrung. Sie verurteilt nichts und niemanden: Selbst das größte Schwein ist ein armes Schwein – in Vernon Subutex ein Filmmogul, und das noch vor der MeToo-Debatte! (die visionäre Kraft der Kunst …). Keinem ihrer Helden widerfährt Denunziation, eher Erhellung. Sie wird manchmal mit Sibille Berg verglichen, das finde ich völlig daneben. Berg trieft vor Sarkasmus. Despentes fühlt mit.